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  • katelijne7

Zedernholz und Schokolade

Das Fremdwort des Tages ist Tirade.

Jeden Tag bekomme ich ein Fremdwort zugeschickt. Diesmal also den mit einem leicht negativen Beiklang einhergehenden Worterguss, ein Redeschwall, der gegebenenfalls inhaltsleer sein kann.

Ich sitze im Speisewagen des ICE. Ein junges Paar kommt herein, bestellt in Mezzosopran ein Käsesandwich, ein Schinkensandwich, einen großen Cappuccino, eine Packung Erdnüsse, eine Tafel Schokolade und für den Freund einen Kaffee. Er zahlt.


Ich sehe aus dem Fenster und denke, ja, ein Redeschwall. Genau so sieht die Landschaft hier aus. Häuser blicken auf die Gleise, sie schimpfen über das Wetter, ein Worterguss aus tausend Mündern. Ich sehe unzählige Fensteraugen, die Vorhänge zeichnen müde Augen, schielende Augen, welche, die starr vor sich hinsehen, welche, die nicht sehen können. Andere, die verwundert in den Tag blicken, euphorisch, neugierig, frivol. Jedes Gebäude hat seine eigene Seele.

Die Münder sind manchmal weit und gierig, manchmal sparsam und spitz. Klein und eng. Gepflegt und einladend, oder verbissen zu. Wenn es schon so viele Augen und Münder an den Gebäuden gibt, wie geht es dann wohl den Menschen und Tieren, die dort wohnen?


Ich bin in Köln losgefahren, vier Stunden Richtung Norden, eine dunkle Wolke hängt über der ganzen Strecke. Aber im ICE sind fröhliche und freundliche Mitarbeiter, sie sorgen dafür, dass ich mir nicht wie auf der Flucht vorkomme, sondern auf Reisen, denn ich fahre nach Hamburg.


Ab Dortmund ändert sich die Landschaft. Weite Sichten, grün, grau, braun, nur hier und da ein Hof. Bis eine neue Stadt anfängt, mit Autos, dicht bepackter Bebauung, angehängter Gartensiedlung. Zugfahren ist schön. Sehen, wie die Landschaft sich ändert, versuchen zu raten, warum Menschen an einem bestimmten Ort wohnen wollen. Versuchen, die Welt zu verstehen.


Versuchen, die Welt zu verstehen, sagt Stephan Samtleben am nächsten Tag, als ich ihn frage, was er mir empfehlen kann. Hinter ihm reihen sich die Bücher bis zur Decke auf, wie soll man den Duft eines Buchladens beschreiben? Vielleicht hat er etwas mit Begreifen zu tun, mit Kunst. Mit Zedernholz, Kaffee, Schokolade, Kaminfeuer, Leder. Wissen, Wissenschaft, Poesie.

Ich denke an den Leuchtturm, den ich heute Vormittag besucht habe, und wie schön es wäre, in einem Turm zu sitzen, alleine, am Leuchtfeuer, wenn man Bücher dabei hat und draußen der Sturm tobt.


Dort steht Herr Samtleben in seinem Buchladen am Schwanenwik, in den jetzt keine Kunden hineingehen können. Keiner darf stöbern, sich lesend durch die Welt tasten, keiner kann die Nase in ein Buch stecken, tief einatmend. Den Lesestoff riechen, die Magie der Buchstaben, und so versuchen, das Wunder der Zeichen zu begreifen. Wir befinden uns mitten in einer Pandemie, kein Mensch steht dort zwischen den Büchern und streicht über die Seiten mit der linken Hand, gedankenverloren. Keiner freut sich über ein besonders schönes Cover, das man einfach berühren muss, das man nicht wieder weglegen mag.


Der Stapel auf dem kleinen Tisch zwischen Eingangsbereich des Literaturhauses und Buchladen wächst langsam. Auf eine unfassbare Weise werden meine Bedrüfnisse gelesen und Bücher landen auf dem Tisch. Woher weiß der Buchstabendealer, was ich gerade an Stoff brauche? Er spürt es. Er erkennt die Sucht. Er kennt jedes Buch mit den geheimen Zeichen, bewegt sich auf eine unerklärliche Weise durch die geschriebenen Welten.


Später werde ich anfangen, Die Vögel, das erste der gekauften Bücher, zu lesen, ich werde es nicht mehr weglegen können, es wird mir unter die Haut gehen. Ich werde um mich schauen. Wer ist das, woher kennt er mich? Ich habe keine Konturen mehr, sondern bin die Geschichte, die Welt. Tarjei Vesaas, der Schriftsteller, der schon lange tot ist, reicht zu mir aus dem Nebel, einladend und unwiderstehlich.


Ich greife in die Tasche, suche eine Bankkarte, um den Deal abzuschließen, habe mein Taschenmesser in der Hand. Opinel, meint Stephan Samtleben, Inox oder Stahl? Inox, gebe ich zu, ich brauche hier in Hamburg keine Reben zu verjüngen, einen Apfel durchschneiden reicht. Er lächelt hinter der Gesichtsmaske, ich kann es in seinen Augen sehen, zuhause habe ich noch eine Säge, verteidige ich mich. Er nickt.

Dann verabschiede ich mich, die Innenstadt ist in dicken Nebel gehüllt, es schneit leicht, das Salz knirscht unter den Reifen der vorbeifahrenden Autos. Ich stapfe mit meinen Stiefeln durch die Pfützen, die Mütze auf, das Messer in der Tasche, unterm Arm einen Vorrat an Geheimzeichen, die mir den Weg zeigen.


Der Leuchtturm, den ich heute Morgen besucht habe, funktioniert nicht mehr. Er steht still zwischen den Beinen der Elbe. Dort, wo Norder- und Süderelbe sich trennen, alleine im Schnee. Er sieht ruhig mit seinem Auge über die stille Wasserfläche, passt auf die Schiffe auf, auf die tropfenden Bäume, das Reet, den Nebel. Wortlos zeichnet er sich gegen die graue Winterluft ab. Ich verstehe ihn jetzt.


Ich verstehe, wieso man reisen muss. Im Zug, oder wenigstens in einem Buch. Bald reise ich wieder ab. Mit den geheimen Zeichen, die aufgeschrieben wurden, mit der Größe der Welt. Tausende Münder werden offen staunen, tausende Augen werden den vorbeirasenden Zug verfolgen, werden diese Bücher sehen, wie sie mit 220 km/h vorbeiflitzen, rückwärts Richtung Süden.


Die Magie wird überall zu spüren sein.

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