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Wie man die Angst vom Knochen schabt

Isabella Straub

VOR DEM APÉRITIF

Ich wollte nicht an den Tod denken, ich wollte an die Wachteleier in meiner Manteltasche denken, aber der Tod war immer schon da, er hockte zwischen den Wachteleiern und wartete auf seinen Auftritt. Eine Stimme in meinem Kopf sagte: Zerbricht ein Wachtelei, wird heute jemand sterben, den du kennst, und obwohl ich nichts von Omen hielt, schon gar nicht von selbst ausgedachten, griff ich alle paar Minuten in die Manteltasche und strich mit den Fingerspitzen über die Eier, als wollte ich das Schicksal besänftigen.

 

APÉRITIF

Wir standen in klirrender Kälte auf der Terrasse und stießen mit Kir Royal an. Am Himmel ein leuchtendes Scheibchen Mond, wie aufgeklebt. Als Hintergrundsound ein Remix aus Rettungswagensirene und Soft Jazz. Judith sagte: „Wir haben einen neuen Mietkoch, er ist aus Beirut. Hast du die Wachteleier mitgebracht?“

 

GRUSS AUS DER KÜCHE

Wir saßen wie immer: Anton links von mir, Roland gegenüber, Judith an der Stirnseite. Ich warf einen Blick auf die Karte. Als Amuse gueule gab es Labneh mit Mandel-Fladenbrot in D-Moll. „D-Moll?“ „Nael ist Musiker. Pianist.“ „War“, sagte Anton. „Jetzt ist er Mietkoch.“ „Er kocht in allen Tonarten“, sagte Judith. „Und du kannst davon ausgehen, dass einer, der virtuos ein Instrument beherrscht, auch auf anderem Feld überdurchschnittliche Leistung erbringt.“ Sie wandte sich an Roland: „Was macht dein Herz?“ Rolands Mitralklappe war enger genäht worden. Die OP hatte auch etwas in seinem Wesen verengt. Ich war mit einem neuen Mann verheiratet, ohne mich getrennt zu haben, das war aufregend und beängstigend zugleich. „Leidlich“, antwortete Roland und breitete umständlich die Stoffserviette auf seinem Schoß aus. Er war hungrig nach Mitgefühl, das ich ihm seiner Ansicht nach vorenthielt.

 

CONSOMMÉ

Die Kichererbsen-Spinatsuppe war raffiniert gewürzt, sie musste in einer Tonart mit zahlreichen Vorzeichen komponiert worden sein. Ich las in der Karte nach, und tatsächlich: H-Dur, fünf Kreuze. Fis, Cis, Gis, Dis, Ais. Anton erzählte von einem Telefonat mit Marina Abramović. Er war Kurator im Museum des Augenblicks und bereitete eine James Turrell-Retrospektive vor. Er sprach von Marina und James und tupfte sich nach jedem Löffel Suppe sorgfältig die Lippen ab. Judith dimmte das Licht, was mich in eine melancholische Stimmung versetzte. Ich wollte in die Küche und mit Nael sprechen, aber Judith hielt mich zurück. „Lass ihn“, sagte sie, „du könntest ihn aus dem Takt bringen.“ „Dann erzähl mir von ihm.“

FISCH

Der nächste Gang bestand aus Fischbällchen an Sesamsauce in G-Moll. Judith sagte, dass Naels Schwester im Gefängnis sitze. Sie habe eine Bank mit einer Spielzeugpistole überfallen, besser: Sie wollte an ihr Geld, also an ihr eigenes Erspartes, um die Krebsbehandlung ihrer Tochter, also Naels Nichte, zu bezahlen. Freiwillig rückten die Banken nichts raus. „Eine Spielzeugpistole?“ „Für eine echte hatte sie kein Geld.“ Rolands Lachen, staubtrocken. „Marina plant eine Performance zu dem Thema“, warf Anton ein. „Spielzeug, Krise, Krieg. Ein zynisches Trio.“ „Das Salz“, zischte Roland. Er deutete mit dem Messer auf die Fischbällchen. Auch sein Geschmack hatte sich seit der Operation verändert, er salzte und pfefferte alles nach – es war, als könnte er die Welt nicht mehr schmecken. Ich reichte ihm den Salzstreuer und stellte mir vor, dass ich eine Bank mit einer Spielzeugpistole unter dem Mantel betrat, die Finger – ja, wo? Hatte die Spielzeugpistole einen Abzug? „Was ist mit dem Mädchen passiert?“, fragte ich und legte das Besteck auf zwanzig nach vier. Die Fischbällchen hatten einen düsteren, dumpfen Nachgeschmack, ich konnte nicht weiteressen. „Keine Ahnung“, sagte Judith. „Ich weiß nur, dass die Bank geschlossen wurde.“

 

FLEISCH

Ich kannte Judith seit über zehn Jahren, wir unterrichteten an derselben Schule, sie Mathematik, ich Englisch. Jedes Jahr luden Judith und Anton uns am zweiten Jänner zu sich ein, um das Neue Jahr ohne Böller und Feuerwerk zu begehen. Silent Silvester. Judiths Gesicht war wie mit einem gespitzten Bleistift gezeichnet, ihre Züge hart und klar, während sich Anton hinter einem wolligen Vollbart versteckte, über den er sich gerne mit den Fingern strich, sein Signature Move. Anton sagte, die Künstlerin Hayat Nazer habe nach der Explosion im Beiruter Hafen aus Trümmerteilen und Glassplittern eine Frauenstatue erschaffen, die an klassische Revolutionsfiguren angelehnt sei, ein Arm in den Himmel gestreckt, Zeichen der Hoffnung. „Was können wir anderes tun als hoffen?“ „Ach, hör mir auf damit“, sagte Roland. „Hoffnung ist wie Homöopathie, keine Wirkung über den Placeboeffekt hinaus.“

ZWISCHENGANG

Ich stand auf, um zur Toilette zu gehen. Ich war nicht Rolands Meinung, im Gegenteil. Ich fand, dass Hoffnung ein Skalpell war, das uns die Ängste von den Knochen schabte. Die Hoffnung kannte nur ein Tempus – das Futur. Müsste ich ihr ein Satzzeichen zuordnen, so wäre es der Doppelpunkt. Nach einem Doppelpunkt war die Welt offen, alles konnte passieren: eine unerwartet gute Wendung, eine plötzliche Heilung, eine Begegnung, die alles veränderte. Judith und Antons Wohnung war labyrinthisch angelegt wie das Bühnenbild für einen Alptraum, ein Gang führte in den nächsten. Ich kam an der Küche vorbei, klopfte an die geschlossene Tür, drückte die Klinke herunter. Versperrt. Ich legte sachte mein Ohr ans Türblatt. Nicht das kleinste Geräusch. Als ich zurückkam, hatte Anton eine neue Rotweinflasche dekantiert. Roland und Anton würden keine besten Freunde mehr werden. Roland interessierte sich nicht für Kunst und Anton nicht für Steuerberatung, aber die Vorliebe für guten Wein verband sie. Roland steckte die Nase ins Glas. „Südfrüchte“, sagte er. „Ananas und etwas Zitroniges.“ „Wo ist er?“, flüsterte ich Judith zu. „Die Küche ist zugesperrt.“ Judith wischte durch die Luft. „Wahrscheinlich holt er Zutaten aus dem Keller. Bedräng ihn nicht, bitte. Er möchte nicht sprechen.“ „Spielt er? Spielt er noch Klavier?“

 

„Hör auf“, sagte Roland. Er setzte das Weinglas ab. „Sie will das nicht, merkst du das nicht? Wieso bohrst du nach?“ Die Härte in seinem Gesicht war neu, auch sie war erst nach der Operation aufgetreten. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte und schabte mit dem Löffel am zartrosa Sorbet. Das Haus hatte keinen Keller.

 

SALAT

Der Bulgursalat mit Feigen und rohen Wachteleiern hatte eine leichte Säure, die sich mit der Süße der Feigen zu einer harmonischen Komposition verband. G-Dur. „Die Hofingers haben einen Syrer“, sagte Judith. „Der hat eine IT-Ausbildung und repariert alles, was ein Kabel hat. Ich wollte ursprünglich auch einen, aber laut App war keiner mehr verfügbar.“ Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen. „Laut App? Was für eine App?“ „Wie heißt die nochmal, Anton? My Personal Migrant?“ „Refugee“, sagte Anton und strich sich über den Bart. „My Personal Refugee.“ Judith sagte: „Ich habe so einen Drang, zu helfen, weißt du. Mich deprimieren diese Geschichten von Kriegen und Verzweiflung entsetzlich, dich nicht?“ Ich nahm einen Schluck vom Wein und sah rüber zu Roland. Er aß ohne die geringste Regung. Als er meinen Blick bemerkte, sah er auf. „Ist was?“ „Nichts“, murmelte ich.

 

KÄSE

Als Judith den Käse holte, stand ich ebenfalls auf. „Bleib“, sagte Judith, „es gibt nichts zu tun.“ „Ich möchte mit dir sprechen.“ Wir standen einander im ersten Gang gegenüber. „Er hat sich verändert, findest du nicht?“, sagte ich. „Wer?“ „Roland.“ „Männer verändern sich nicht. Deine Perspektive verändert sich.“ Judith öffnete eine Durchreiche, die ich nie zuvor bemerkt hatte und holte einen Teller mit Käse und Weintrauben hervor. „Was ist los, Judith? Warum sprichst du nicht mit ihm?“

 

Sie sah mich überrascht an. „Mit Roland?“ „Mit Nael! Warum muss er den ganzen Abend allein in der Küche hocken?“ „Ich glaube nicht, dass er hockt. Nimmst du den Brotkorb?“ Der Käseteller war weder in Dur noch in Moll arrangiert. Suspended stand in der Karte. Unerlöst.

DIGESTIF

Ein zweites Mal an diesem Abend standen wir auf der Terrasse und blickten in den Himmel. „Das ist alles, was James braucht. Das sind die Zutaten für seine Kunst.“ Anton sprach von Turrell. „Kommendes Jahr eröffnen wir einen Skyspace bei uns im Museum. Ein Raum, der in den Himmel sieht. Das Leben ist schnell vorbei. Wir brauchen mehr magische Momente, findet ihr nicht?“ „Auf ein magisches Jahr“, sagte Judith und hob ihr Glas. Ich fühlte mich, als könnte ich jeden Moment fallen. Mir war übel. Ich stürzte den Schnaps hinunter, griff in die Manteltasche und zog sie erschrocken wieder heraus. Von meinen Fingern tropfte Eiweiß. Ich stürzte in die Wohnung, lief ins Bad, hielt meine Hände lang unter heißes Wasser, alles wird gut, sagte eine Stimme in meinem Kopf, alles, alles wird gut, du darfst nicht glauben, was du denkst. Auf dem Weg zurück sah ich, dass die Küchentür weit offenstand. Ich trat ein. Nicht das kleinste Anzeichen, dass gekocht worden war, die Spüle trocken, der Geschirrspüler leer, alles blitzblank. (Ein Moment in Parenthese.) Ich fragte mich, in welcher Tonart dieser Abend verlaufen war. Ich atmete ein und ich atmete aus. Ein Gedankenstrich – wie das Pausenzeichen in einer Partitur. Und dann nahm ich alle Hoffnung zusammen, so, wie man allen Mut zusammennimmt, und mit einem Mal wusste ich, was zu tun war:

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