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  • katelijne7

Eine neue Geschichte

Aktualisiert: 13. Dez. 2021

Das Haus ist aus Naturstein. Es steht in einem großen, verwilderten Garten mit alten Bäumen. Der riesige Wallnussbaum lehnt an einer Seite, von einem schweren Holzbalken gestützt, er trägt dieses Jahr kaum kaum. Die Birke bewegt sich leicht im Wind. In den hohen Tannen höre ich laut schimpfende Krähen.

Ich sitze im Vorgarten auf der Bank neben der Eingangstür und sehe in die Ferne. Die Steine der Hauswand hinter mir sind warm von der Herbstsonne. Sie fühlen sich einladend an. Überall leuchten bunte Blätter, die Luft ist tiefblau. Im Fenster sind die Gardinen zugezogen. Hier wohnt keiner mehr. Die Tür ist abgeschlossen, das Haus sehr still. Ich schreibe einen Zettel für den Briefkasten aus schwarzem Gusseisen.

Falls Sie dieses Haus jemals verkaufen wollen, rufen Sie mich bitte an.


Einige Tage später ruft er an, der einzige Verwandte des Eigentümers. Wir sprechen über das Haus, über den Bruder, der nun bald sterben wird.


Es ist Winter, vor dem Haus steht ein Container. Eine Entsorgungsfirma räumt auf. Die Männer schleppen schwere Säcke, werfen sie in den Container. Ich sehe Kleidung, Schuhe, Essgeschirr, Bücher, Medikamente, ein Radio, Stühle, Waschpulver, Töpfe, eine Hundeleine. Die Tränen stehen mir in den Augen. Wo ist der Hund?

Ich sehe Zahnbürsten, Orden vom Schützenverein, Weihnachtskarten, einen Wecker, Werkzeug, Shampoo, Handtücher, Schlüssel, Linsen in der Dose.

Unten im Dorf war vor einigen Monaten die Flutkatastrophe, gibt es keine Familien, die diese Sachen hier gebrauchen können?


Der Eigentümer hat das Haus der Bank übergeben, er möchte den Verkauf nicht selber organisieren, denn er weiß nicht, was 4.000 Quadratmeter Garten kosten. Die Tür steht auf, ich gehe durch die Zimmer, sehe den Männern beim Ausräumen zu. Alle Schubladen sind geöffnet, ich sehe, wo Schätze vermutet werden. Sie sind freundlich, sprechen gebrochenes Deutsch, fegen mit geübten Handbewegungen alles in die Säcke hinein. Wie fein die Kristallgläser zerbrechen, das hauchdünne Porzellan. Wie vornehm die alten Bücher knistern. Jeder Gegenstand, der ins Haus gekommen ist, wurde Teil von dem Leben, das nun zuende ist. Mit den Gegenständen verschwindet auch die Person spurlos.


Es riecht frisch und sauber im Haus, alles wurde gut gepflegt. Eine sorgfältige Person hat hier gewohnt, eine Person mit geputzten Schuhen. Mit einem geputzten Bad und einem großen Vorrat an Duschgel.

Oben befindet sich ein Raum mit einem Boden aus dicken Holzdielen. Hier steht ein Fernsehsessel aus schwarzem Leder, mitten im leeren Zimmer. Wenn ich mich hineinsetze, kann ich unfassbar fern in die Landschaft sehen. Ein schöner Platz für ein Atelier, denke ich.


Die Entrümpler arbeiten schnell. Ich frage, ob ich zwei kleine Tische rausstellen kann, ich würde sie abends abholen. Das geht eigentlich nicht, belehren sie mich, alles gehört nun der Entsorgungsfirma. Ich nicke, zeige auf die Tische. Ein Mann nimmt den Fernseher herunter, ich trage den kleinen Tisch in den Garten, den anderen auch. Was heißt denn eigentlich, denke ich, während ich noch ein altes Telefon daraufstelle und eine Lampe. Der Schlüssel von der Hintertür landet dabei in meiner Jackentasche.


Ich gehe durch den Hauswirtschaftsraum wieder in die Küche, sehe die Post auf dem Tisch, ein Hundenapf auf dem Natursteinboden. Dann gehe ich durch den Flur und verlasse das Haus. Ich nehme den Fluchtweg durch die Wiesen, höre noch, wie die Krähen in den Tannen schimpfen.


Wo soll es denn hingehen? frage ich den Fahrer des Kleintransporters. Er steht auf der Vennbahn, einem Weg für Fahrradfahrer und Spaziergänger. Seine dunklen Augen unter den buschigen Bräuen sehen mich verzweifelt an. Dann zeigt er mir eine Adresse auf dem Handy. Auf dem Beifahrersitz befindet sich ein kleiner Junge, der in ein Handyspiel vertieft ist.

Ich versuche ihn davon abzuhalten, in Rückwärtsgang den schmalen Weg wieder zurückzufahren. Es ist fast dunkel, und ich weiß, wie viele Radfahrer hier um diese Uhrzeit unterwegs sind. Ich laufe ein Stück vor ihm her, über dem alten Viadukt, hoffe, dass das Auto dafür nicht zu schwer ist. Dann zeige ich ihm einen Wirtschaftsweg , der nach der Brücke rechts hinunter zur Straße führt. Das Auto bleibt vor den Absperrpfosten stehen, der Fahrer sieht mich fragend an. Die gab es nicht an der anderen Seite, ich schwör. Ich ziehe die Pfosten, die zum Glück nicht abgeschlossen sind, aus den Halterungen und winke ihn durch, stelle sie wieder hin und laufe weiter. Jetzt ist die Sonne weg, es wird kalt und dunkel, und ich trage keine Warnweste, sondern ein altes rotes Kapuzenshirt vom Fußballverein meines Sohnes. Obwohl der Verein Grün-Weiß Lichtenbusch heißt.


Zuhause ist mein Jüngster dabei, mit zwei Freunden einen Computer zu bauen. Die Teile haben sie im Internet bestellt. Das Zimmer steht voller Kisten. Ich sehe Kabel, Apparaturen, Plastiktüten, tausend Einzelteile und denke an die Entsorgungsfirma. An den Klang von zerbrechendem Meissener Porzellan. Ich denke an die Lieferdienste, die sich verfahren, weil sie die Straßennamen nicht richtig aussprechen können und den kleinen Bruder oder Neffen dabeihaben.


Es ist bald Weihnachten. Im einen Haus wird ein komplettes Leben in Säcke gepackt, die Erinnerungen werden vernichtet. Im anderen Haus wird versucht, Erinnerungen zu schaffen. Ich bestelle noch schnell etwas im Internet, das morgen geliefert werden soll, denn übermorgen hat unsere Tochter Geburtstag. Ich schäme mich ein bisschen. Stelle mir vor, was sie alles hätte gebrauchen können aus dem Haus, das nun der Bank gehört und sauber sein muss, für Besichtigungstermine. Vintage, angesagte Möbel, Ledersofas, tolle Lampen, Design aus den siebziger Jahren, alles Eigentum der Entsorgungsfirma.


In den Schubladen nur noch Medikamente, kein Bargeld mehr. Auf der Hintertür kein Schlüssel. In der Küche kein Hund.

Aber eine neue Geschichte.



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