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  • katelijne7

Ein Hahn kräht danach

Aktualisiert: Sept 24

Der ICE zum Flughafen verspätet sich, es gibt Personen im Gleis. Leben sie noch? Wie viele gibt es dort? Das erfährt man nie. Der Zugbegleiter stapft geschäftig durch die Abteile, versucht so freundlich wie möglich zu sein, falls wir uns heute noch nicht begegnet sind, hätte ich gerne von Ihnen eine schöne Fahrkarte.

Er hätte Arzt werden sollen, mal kurz schauen, super, das war’s schon, vielen Dank. Ich stecke die Bahncard wieder in die Tasche und sehe aus dem Fenster, Nebel hängt über der Autobahn, die Autos rasen hin und her. Nein, ich fühle mich nicht ökologisch, ich, die hier im umweltfreundlichen Zug sitzt, denn ich bin zum Frankfurter Flughafen unterwegs und möchte in den Süden fliegen, werde den Flug aber wahrscheinlich knapp verpassen.


Wo müssen Sie hin, ruft hinter mir eine Stimme. Ich sprinte weiter, zum Gate A1, rufe ich. Ich hatte mich zum anderen Ende begeben, weil ich in Eile war, die Brille nicht aufhatte und mich fast immer innerhalb von Gebäuden verlaufe. Dieser Flughafen ist absurd groß und verwirrend.

Springen Sie auf, lautet die Antwort, schnallen Sie sich fest.

Wir flitzen durch die langen glänzenden Gänge, an Passagieren, Koffern und Laufbändern vorbei.


Das Flugzeugmobil liefert mich gerade noch rechtzeitig beim Boarding ab, ich bedanke mich. Meine Tochter Sophie wartet schon auf mich, wir verreisen zusammen. Der Fahrer hebt zum Abschied die Hand und fährt weiter.


Ich suche Andriana, die Vermieterin, sehe sie hinten im Garten mit einem weißen Bündel Handtücher unterm Arm. Sie ist eine kleine, stämmige Frau, Mitte sechzig, mit kräftigen Oberarmen und einem wettergegerbten Gesicht. Ich will sie fragen, wann und wie ich die Wohnung zahlen kann. Sobald sie mich jedoch sieht, winkt sie schon aus der Ferne ab.

Zuerst muss ich töten, das, ruft sie mir durch die Blumen hindurch zu. Ich muss das töten.


Ich bleibe stehen. Was töten? Erst dann sehe ich, dass das weiße Handtuch unter ihrem Arm sich bewegt, ein Hahn schaut raus.

Sie kommt dann doch zu mir und erklärt, dass sie beim Kauf vom Federvieh nie weiß, ob es sich um Hennen oder Hähne handelt. Hennen sind gut, sie vertragen sich. Hähne darf man nicht zu viele haben, das gibt nur Ärger. Dieser also ist zu viel. Er sieht mich hilfesuchend an.

Später am Nachmittag, als ich eine Zitrone suche, lässt Andriana mich in den Hofladen. Dort liegt er nun, ganz nackt. Er hat Gänsehaut. Ich bekomme eine Zitrone.


Ein schöner Garten, versuche ich abzulenken, denn ich möchte ihn nicht mehr sehen, gerupft im Kühlfach, ich fühle mich wie eine Verräterin. Ich hätte ihm das Leben noch retten können. Willst du Tomaten? Fragt Andriana, sie läuft vor mir zu den Sträuchern und reicht mir einige dunkelrote Früchte. Schau, dort, ein Granatapfel ist reif, sagt sie, reckt sich, pflückt die aufgesprungene Frucht vom Baum und legt sie auf die Tomaten, die ich in den Händen halte. Dann kommen noch zwei Paprika hinzu, die kleine Frau bewegt sich pflückend und prüfend durch den Garten. Hinter ihr schimmert das endlos blaue Meer, die Berge zeichnen sich scharf gegen die Abendsonne ab. Einige Katzen spielen mit dem jungen Hund, der gerade neu auf dem Hof ist und noch nicht gelernt hat, dass Katzen Feindinnen sind.


Am nächsten Tag stehen Sophie und ich um 6 Uhr auf, um eine Wanderung durch die Schlucht zu machen. Wir parken oben auf dem Berg, zahlen den Eintritt ins Naturschutzgebiet und wandern los, fünf Stunden bergabwärts, an einem ins Gebirge tief eingeschnittenen Flussbett entlang. Wir sind nicht die Einzigen, die das tun, viele Wanderer sind unterwegs, es ist ein bekanntes Ausflugsziel. Die Schlucht ist beeindruckend. Die Trinkflaschen werden am kristallklarer Fluss, der sich ab und zu zeigt, aufgefüllt, es ist ein sehr heißer Septembertag.


Nach vier bis fünf Stunden werden alle Wanderer wieder an den Strand ausgespuckt, die Hitze dort ist unerträglich, zum Glück gibt es einige Tavernen mit Terrassen unter den Bäumen. Und es gibt einen kleinen, schwarzen Steinstrand mit Liegen und Sonnenschirmen. Es ist eine sehr abgelegene Stelle, hierher kommt man nur übers Meer oder durch die Schlucht.


Die Wanderer sitzen hier für weitere vier Stunden fest, denn das einzige Boot fährt erst um 17 Uhr zurück. Der Strand ist glühend heiß, so dass die Sonnenliege kaum verlassen werden kann. Ab und zu rennt jemand mit brennenden Füßen ins Meer, dort schwimmt er wie eine Boie in den Wellen, bevor er zischend wieder zur Liege kommt. Der Kellner, der aus Ägypten stammt und kaum Griechisch spricht, ist sehr aufmerksam, er rennt mit Getränken hin und her über den Holzsteg. We have Aperol Spritz! sagt er überflüssigerweise. Die Getränke werden in Pappbechern serviert.


Kurz vor fünf werden die Wanderschuhe wieder angezogen, das alte Boot wird bestiegen. Es fährt los, stampft auf den Wellen, eine schwarze Dieselwolke umgibt es. Mir wird schlecht, ich überlege, ob ich den Hut des Nachbars nehmen soll, falls die Auberginen wieder hochkommen.


Endlich legen wir in einem weiteren verlassenen Stranddorf an, besteigen einen Bus und fahren bis hinauf in die Berge. Beim Parkplatz kaufen wir schnell noch eine Feta-Tasche, dann macht dort alles zu.

Inzwischen ist es fast dunkel, gerade noch kann ich die Herden von Ziegen und Schafen erkennen, die auf der Straße herumspazieren oder sich dort einfach hingelegt haben. Vorsichtig fahre ich im Slalom den Berg runter.


Warst du lange weg! sagt Andriana. Ich erkläre ihr, was wir gemacht haben. Viel zu heiß, sagt sie, viel zu heiß. Hier ist es besser, hier kannst du schwimmen.

Am nächsten Tag können wir uns kaum bewegen, alles am Körper tut weh. Wir kriechen die Treppe zum Strand hinunter und sehen Beine im Feigenbaum. Oh nee, auch das noch. Als ob ein Hahn nicht genug war. Aber es ist nur Andrianas Mann, der zum Ernten in den Baum geklettert ist. Er sieht uns, wünscht einen guten Morgen und reicht einige Feigen herunter.

Wir setzen uns auf einen Stein am Meer. Oben im Garten kräht ein Hahn, laut, kräftig, selbstbewusst.

Die Sonne scheint auf das Wasser. Die weißen Berge leuchten. Die Bucht ist ganz still.



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