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Countdown

10

Als der Krieg zu Ende und Großvater zwölf Jahre alt war, sammelte er am Fluss Brennholz und fand im Sand etwas, das aussah wie eine Schildkröte. Er hob das Ding auf, um es sich genauer anzusehen.

9

«Seither bin ich Linkshänder, wie du.»

Mehr erzählt Großvater nicht. Über der Prothese trägt er immer einen Samthandschuh, damit es sich nicht so kalt anfühlt. Nie zieht er seine Klaue aus, wenn ich zu Besuch bin. Ich kann betteln so viel ich will. Er macht Witze und wechselt das Thema. Sagt, dass er als Kind zum Mond fliegen wollte.

8

In Großvaters Studierzimmer steht ein Legobausatz mit einer Mondrakete. Ich packe aus. Es sind 1969 Teile.

«Bald fliegen sie wieder zum Mond. Weil sie zum Mars wollen. Stell dir vor, die Fußabdrücke der Astronauten sind immer noch dort. Als wäre die Zeit stehengeblieben. Es gibt keine Luft, die die Spuren verwischt. Auf dem Mond ist es immer noch so, wie es auf der Erde einmal war, bevor die Menschen kamen.»

Großvater setzt sich an den Schreibtisch und liest die Anleitung. Aus seinem Ohr wachsen Haare. Am Mundwinkel klebt Marmelade. Er deutet mit seinem Stock auf den Bausatz am Boden.

«In der Schachtel sollte auch noch die Mondlandefähre sein.»

Ich hole das Tütchen mit der Landefähre und bringe es an den Tisch.

«Ah, der Lunar Lander hat goldene Füße, sehr schön. Sind da auch die beiden Astronauten drin?»

«Es sind drei.»

«Na, klar! Es waren ja drei.»

 

«Die sind aber winzig.»

«Sonst würden sie nicht in die Mondlandefähre passen.»

«Opa, da ist noch ein Figürchen.»

«Noch eins? Zeig mal. Vermutlich ein Reservemännchen, falls eine Figur verlorengeht. Oder ein blinder Passagier.»

«Oder die erste Astronautin, die auf den Mond fliegt?»

Großvater nickt und nimmt das Figürchen zwischen Zeigefinger und Daumen. Er stellt die Astronautin neben den Globus auf seinen Schreibtisch.

«Oder die erste Astronautin, die auf den Mond fliegt!»

7

Ich packe ein Fähnchen aus. Großvater schiebt die Brille auf die Nase und sieht kurz auf.

«Die amerikanische Flagge und die Mondlandefähre kannst du auf die graue Mondplattform stecken.»

«Gehört der Mond den Amerikanern?»

«Nein. Genau genommen gehört der Mond der Erde. Die Fahne haben die Amerikaner in den Mond gesteckt, um es den Russen zu zeigen. Weil die Russen zuerst im Weltall waren.»

Ich halte immer noch die winzige amerikanische Fahne in der Hand.

«Sie haben sich um den Mond gestritten?»

«Es ging nicht um den Mond.»

Großvater nimmt die Astronautin und lässt sie über dem Globus schweben.

«Es ging darum, besser, schneller und mächtiger zu sein. Nur die Astronauten haben gesehen, wie idiotisch das ist. Dieses Deins und Meins. Aus dem Weltall betrachtet, ist alles eins.»

6

Ich presse eine Zitrone aus. Großvater gießt Schwarztee in zwei Tassen. Ich gebe den Saft dazu. Die dunkle Flüssigkeit wird honiggelb. Wir setzen uns an den Wohnzimmertisch und rühren. Sogar mit Zucker schmeckt der Tee bitter. Aber Teetrinken heißt, dass ich Großvater alles fragen darf.

«Warum wolltest du als Kind zum Mond fliegen?»

«Es gibt einen Film, den ich damals im Kino gesehen habe. Vier Männer und eine Frau fliegen zum Mond.»

«Eine Frau?»

«Ja, genau. Frau im Mond heißt der Film. Und es gibt neben den fünf Erwachsenen einen blinden Passagier. Einen Jungen, der sich in die Rakete geschmuggelt hat. Gustav. Gustav und diese Frau sind die Einzigen, die auf dem Mond nicht durchdrehen. Zwei der Männer finden auf dem Mond Gold und bringen sich vor lauter Gier gegenseitig um. Die anderen zwei streiten sich um die Frau. Am Ende muss der Junge die Rakete zur Erde zurückbringen. Ich wollte wie Gustav sein. Ich wollte die Erde als Kugel sehen. Aber damals wurden Raketen nur für den Krieg gebaut. Der erste Schritt auf dem Mond war noch weit weg.»

5

Ich mache einen Schritt rückwärts. Vor mir ist ein Abrisskante. Der Boden bröckelt weg und nimmt die Fussabdrücke meiner Moonboots mit in den Abgrund. Ich drehe mich um, will entkommen. Aber die Boots sind schwer, so schwer, dass ich nicht vorwärts komme. Ich bemerke am Horizont eine dunkle Wolkenmasse. Ein Orkan, der unaufhörlich näher kommt. Er rauscht. Wirbelt Staub auf. Bäume krachen zu Boden, Äste fliegen durch die Luft. Der Wind bläst durch meine Jacke. Ich sollte hier fort. Aber es geht nicht. Da ist eine Last in mir, die sich nicht abschütteln lässt. Und dort ist der Abgrund. Alle Gedanken und Worte stürzen in diesen Abgrund. Ich schreie. Ich schreie und schreie und schreie. Und wache auf.

Großvater steht im Nachthemd in der Türe. Er kommt zu mir und setzt sich an den Bettrand. Das Licht blendet das Geträumte aus. Grossvater streicht mir über den Kopf. Er sagt nichts, ist einfach da. Zum ersten Mal sehe ich ihn ohne Hand. Der Unterarm endet in einem Stumpf. Er riecht nach Old Spice und in seinen Augen ist Trauer. Ich finde meine Worte wieder, bringe sie in eine Ordnung. Ich erzähle von meinem Traum.

Erzähle von der Klimakrise, die zu groß für meinen Körper ist und von innen drückt. Dieses Gefühl, niemand hört zu und niemand tut was. Diese Verzweiflung, dass keine Zeit mehr bleibt. Und von den vielen Nächten, in denen ich aufwache. Großvater hört zu. Er glättet die Falten auf der Bettdecke. Seine Hand ist fleckig und die Adern sehen aus wie Flüsse.

4

«Du hast Angst vor der Zukunft. Und ich habe Angst vor der Vergangenheit. Es ist gar nicht so leicht, damit klarzukommen. Vor allem, wenn alles aus dem Ruder läuft. Wenn diese Träume immer wieder kommen. Und sie kommen wieder. Solange, bis wir eine Antwort gefunden haben.»

«Wie meinst du das, Opa?»

«Ich habe nie mit jemandem darüber geredet. Über das, was ich erlebt habe im Krieg. Lieber wäre ich gestorben, als es irgendjemandem zu erzählen. Weil ich mich schämte. Und weil ich mich schuldig fühlte. Dabei ist es wichtig, sich dem Grauen zu stellen. Und es umzuwandeln. Morgen ist ein neuer Tag, dann werde ich es dir erzählen.»

3

Zum Frühstück streiche ich Grossvater zwei Marmeladebrötchen. Er isst, ohne ein Wort zu sagen.

«Erzähl mir vom Krieg, Opa. Was ist passiert?»

«Gegen Ende des Krieges fielen immer mehr Bomben auf unsere Städte. Ständig mussten wir in den Luftschutzbunker. Aber nicht alle durften rein. Die Zwangsarbeiterinnen, die die Trümmer und die Leichen wegräumten, mussten draußen bleiben. Wenn die Sirenen heulten, gingen wir so schnell wie möglich in den Bunker. An diesem einen Tag standen zwei Frauen vor dem Eingang. Sie trugen aufgenähte Abzeichen, auf denen Ost stand. Sie kamen aus der Sowjetunion, wir verstanden ihre Sprache nicht. Aber wir verstanden, was sie wollten. Und dann war da noch ein Mann. Ich kannte ihn von früher. Er war einmal unser Nachbar gewesen. Er war mager und trug den Schatten eines Sterns auf der Brust. Alle drei wollten in den Schutzraum. Sie hatten Angst. So wie wir. Der Luftschutzwart scheuchte sie weg wie lästige Fliegen. Und er befahl mir, die Türe von innen zu schliessen. Dann begannen die Luftangriffe. Die beiden Frauen schrieen und hämmerten gegen die Türe. Ich war der älteste Pimpf und hatte den Auftrag, oben zu bleiben und die Türe zu bewachen. Ein alter Mann wartete auf der Treppe, bis alle im Keller verschwunden waren. Dann sagte er zu mir: `Mach auf! Lass sie rein. Das sind doch auch nur Menschen!`

Zuerst wollte ich die Panzertüre öffnen. Die Schreie liessen mich nicht kalt. Meine Hand packte den Eisenhebel. Doch da war ein Frösteln in meinem Nacken, das mich bremste. Ich dachte an den Frisör, der laut gesagt hatte: `Wenn der Führer zu mir kommt, rasiere ich ihm den Bart ab.` Am gleichen Tag wurde er abgeholt. Die Kraft in meiner Hand liess nach und ich fasste an mein schwarzes Halstuch mit dem Lederring. Das war Teil meiner Uniform. Ich hatte geschworen, dem Führer zu gehorchen. Mein Herz raste, mir zitterten die Knie. Ich setzte mich auf die oberste Stufe der Treppe und hielt die Ohren zu, bis die Angriffe vorbei waren und Entwarnung kam. Dann liess ich die Arme sinken. Draußen war es still. Sehr still. Als ich die Türe öffnete und die zerfetzen Leiber sah, musste ich mich übergeben.»

2

«Jahrelang fand ich keinen Schlaf. Und wenn ich endlich schlief, polterten sie gegen die Türe. Aufmachen, riefen sie, hab Erbarmen! Im Traum stand ich auf und wollte die Türe öffnen, hob den Arm und sah meinen blutenden Stumpf. In diesem Moment bin ich erwacht.

Das ist die Strafe, dachte ich lange, das ist die gerechte Strafe. Eine Hand für drei Menschenleben.

Viel später, als ich schon erwachsen war, gelang es mir, die Türe zu öffnen. Ich habe mich entschuldigt. Danach sind sie nicht mehr gekommen. Die Wunde war verheilt. Aber die Scham ist geblieben.»

 

1

Die Legoschachtel ist leer. Alle 1969 Steine sind verbaut. Zuletzt stecke ich vorsichtig die Spitze auf die Rakete.

«Und jetzt? Fliegen wir zum Mond?»

«Na gut. Fliegen wir zum Mond.»

«Ready to take off?»

«Ready to take off.»

«Dann mach deine Augen zu, Opa. Und nicht blinzeln.»

Während ich laut von zehn bis eins zähle, knipse ich das Licht im Globus an und ziehe die Vorhänge zu.

0

Ich fasse Großvater an seiner Hand und sage: «Jetzt.»

Dritter Platz:

Marcus Hammerschmitt

Platz drei geht an Marcus Hammerschmitt, der mit der Geschichte „In der Trockenzeit“ ein aktuelles Thema aufgreift, die Knappheit an Ressourcen, das Überleben auf einem Planeten, der immer schwieriger zu bewohnen ist. Zugespitzt liefert er uns eine Möglichkeit, den Weltuntergang überleben zu können. Auf absurde Weise werden Verbrechen begangen, die uns aber nicht ganz fremd erscheinen. Wir sind Teil der Verrücktheit.

 

Marcus Hammerschmitt ist Schriftsteller, Journalist und Fotograf. 1967 in Saarbrücken geboren, studierte er in Tübingen Philosophie und Literaturwissenschaft. Seit 1994 ist er hauptberuflich Schriftsteller. Seit Kurzem lebt er in Schleswig-Holstein. Er hat Romane, Essays, Jugendbücher, Gedichtbände und ein Fotobuch veröffentlicht. Zuletzt erschien von ihm der Gedichtband „Halbdunkles Licht“ (Schiler & Mücke, Berlin/Tübingen, 2022) 

 

In der Trockenzeit

Wegen der langen Dürre hatte Mutter beschlossen, in Trockenschlaf zu fallen, und mir oblag es, sie aufzubewahren. Zuerst wollte ich protestieren, aber dann siegte die Vernunft. Ich war das älteste Kind, mein Schlafschrank war frei, im Gegensatz zu dem meines Bruders, und es entsprach einfach den guten Sitten.

Bevor sie in den Kokon eingesponnen worden war, hatte es die übliche Zeremonie gegeben. Verlegen waren wir im Wohnzimmer herumgestanden, die Zehn-Milliliter-Phiolen in der rechten, das Seidentuch in der linken Hand. Da wir uns nichts zu sagen hatten, verstummten die Gespräche recht schnell. Onkel Jakob war wieder einmal der Einzige, der sich die Laune nicht verderben ließ. Sein rundes Gesicht strahlte, und ich hasste ihn dafür. Endlich stieg meine Mutter in die Spinnkammer, und der Arzt gab ihr die Spritze. Bevor die Wirkung einsetzte, drückte sie meine Hand.

"Ich weiß, du sorgst für mich, Rolf."

"Ja, Mutter", gab ich ihr zur Antwort.

"Bis zur Regenzeit", sagte sie. Ihr wurde die Zunge schon schwer.

"Bis zur Regenzeit", sagte ich, als ich den Deckel der Spinnkammer schloss.

Das Geräusch, mit dem die Spinnkammer ihre Arbeit verrichtet, habe ich nie gemocht. Es erinnert mich zu sehr an die ersten Jahre meiner Kindheit, als es noch Spülmaschinen gab.

Onkel Jakob schlug mir auf die Schulter und verabschiedete sich. Die anderen begriffen das als Signal und brachen ebenfalls auf. Noch bevor meine Mutter bis zum Hals eingesponnen war, fand ich mich allein in meiner Wohnung. Abends kamen die Männer von der Spezialfirma. Wir hoben meine Mutter aus der Spinnkammer und fixierten sie im Schlafschrank, der von den Serviceleuten auf seine ordnungsgemäße Funktion überprüft wurde. Ich bin nicht reich und kann mir nicht immer das neueste Modell leisten. Deswegen ist es umso wichtiger, dass mit der Technik alles stimmt. Die beiden Männer bekamen von mir ein Trinkgeld. Komisch, dachte ich gerade an diesem Abend, dass das immer noch so heißt.

 

Die Entscheidung meiner Mutter war richtig gewesen, wie sich bald darauf herausstellte. Die Sonne hatte eine wilde Zeit, und in Bayern und der Lüneburger Heide verdursteten Säuglinge und alte Menschen reihenweise. Zuerst machte mir die Anwesenheit meiner Mutter in meinem Schlafschrank keine Probleme. Jeden Abend kontrollierte ich die Funktion des Schranks und sprach die üblichen Gebete. Der Kopf meiner Mutter war vorschriftsmäßig fixiert, der Kokon hing in seinen Bandagen. Alles normal. Allerdings beunruhigte mich, dass ihre Gesichtshaut immer grauer wurde. Ich rief bei der Servicefirma an, und man schickte einen Techniker vorbei, der sich meine Mutter und den Schrank noch einmal genau ansah. Er konnte keine Probleme feststellen und sagte, dass er schon öfter Trockenschläfer mit einer sehr grauen oder blassen Haut gesehen habe, das sei kein Grund zur Beunruhigung. Ich vertraute ihm.

Etwa um diese Zeit lernte ich Renate kennen. Als sie mich fragte, warum ich sie nie mit nach Hause nähme, rückte ich mit dem wahren Grund heraus: dass meine Mutter in meinem Schlafschrank hänge. "Du Kindskopf", sagte sie zu mir. "Das macht mir doch nichts aus."

Als wir dann zum ersten Mal in meiner Wohnung waren, bat sie mich, meine Mutter sehen zu dürfen. Ich versorgte den Schrank wie jeden Abend, und Renate sah mir dabei zu.

"Sieht nett aus, deine Mutter!", sagte sie, als ich die Schranktüren wieder geschlossen hatte. In dieser Nacht lag ich wach, und fragte mich, was sich alle fragen, die noch nie im Trockenschlaf gewesen sind. Fühlt man was? Träumt man? Macht einem die Dunkelheit nicht doch irgendwann zu schaffen? Das Licht im Schlafschrank leuchtet ja nur auf, wenn die Türen geöffnet werden, und es erlischt wieder, wenn man sie schließt. Wegen der Dunkelheit gehen manche Leute sogar dann nicht in den Schlafschrank, wenn es ihnen vom Ordnungsamt befohlen wird. Das ist ihre Entscheidung, sie bekommen dann weniger Wasser und müssen vielleicht verdursten.

Renate merkte, dass ich nicht schlief. Sie meinte es gut mit mir und wollte mich ablenken. "Komm schon", sagte sie und drückte sich an mich. Ich ließ mich ablenken.

 

Die Polizei konnte keinen der Täter fassen, obwohl sie sich bemühte, da bin ich sicher. Es habe in der letzten Zeit eine ganze Menge Einbrüche in meinem Viertel gegeben, sagte man mir, da seien Profis am Werk, denen komme man nicht so leicht bei. Weil sie nichts Trinkbares gefunden hatten, waren die Einbrecher gegen meine Möbel handgreiflich geworden, ebenso gegen die Sicherheits- und Kontrolleinrichtungen meines Schlafschranks. Meine Mutter war praktisch sofort gestorben. Ich konnte es nicht glauben, als sie vor mir lag. Sie sah gar nicht anders aus als vorher. Dann begann ich mich damit abzufinden. Renate war die ganze Zeit dabei, während die Polizei meine Wohnung durchwühlte, die ganze Zeit. Ich war ihr so dankbar dafür. Am Abend, als alle gegangen waren, hatte ich Fieber, und Renate stellte mir ihre restliche Wasserration für diesen Tag zur Verfügung.

Weil es am Tag der Beerdigung meiner Mutter völlig unerwartet für fünf Minuten regnete, kam an ihrem Grab nicht wirklich Trauerstimmung auf. Selbst der neokatholische Geistliche, der doch die ganze Tragik der Todesumstände in seiner Predigt hatte unterbringen wollen, war viel zu gut gelaunt. Auch die Trauergäste waren nicht bei der Sache. Beim Leichenschmaus ging es hoch her, Wasser wurde in rauen Mengen getrunken, man konnte schon von Verschwendung sprechen. Mein jüngerer Bruder war wie berauscht. Renate ging dann recht früh, weil sie es nicht mehr aushielt. Aber ich musste ja bleiben.

Eine Woche später erhielt ich die Vorladung zur Staatsanwaltschaft. Es war ein Verfahren gegen mich eröffnet worden, weil ich angeblich meine Wohnung nicht gut genug gegen Einbruch gesichert hatte, und weil die Panzerung meines Schlafschranks nicht dem Stand der Technik entsprochen hatte. Renate machte sich große Sorgen, aber ich war der Überzeugung, dass es sich bei dem kommenden Prozess eigentlich um ein Missverständnis, oder schlimmstenfalls um eine Alibiveranstaltung handelte, die vom Versagen der Polizei bei der Suche nach den Einbrechern ablenken sollte. "Umso schlimmer", sagte sie. "Sie wollen dich zum Sündenbock machen, merkst du das nicht?"

Sie saß dann als einzige Zuschauerin im Gerichtssaal, als ich wegen fahrlässiger Tötung meiner Mutter zu einem Jahr Trockenschlaf verurteilt wurde. Da keine Fluchtgefahr bestand, konnte ich den Gerichtssaal als freier Mann verlassen, auch wenn ich mich bis zum Antritt der Strafe jeden Tag auf meiner zuständigen Polizeiwache zu melden hatte.

"Ich lass das nicht zu", sagte Renate.

Wir wollten rechtlich gegen meine Verurteilung vorgehen. Mein Anwalt, der seine Sache so gut wie möglich gemacht hatte, sagte: "Ja, wenn Sie verheiratet wären oder gar Kinder hätten, dann sähe die Sache ganz anders aus. Dann wären vielleicht anderthalb Tage Wasserentzug bei der Sache herausgekommen, aber nicht ein ganzes Jahr Trockenschlaf." Er riet uns strikt davon ab, schnell noch zu heiraten oder ein Kind zu zeugen: So etwas werde von den Gerichten schnell als Umgehungsstraftat gewertet und könne damit enden, dass letztendlich beide Partner im Schlafschrank landeten.

Ich ließ mich von meiner angestammten Servicefirma beim Kauf eines neuen Schlafschranks beraten. Wenn ich wieder aufwache, werde ich bald eine neue Arbeit finden müssen, denn der neue Schrank hat sehr viel Geld gekostet.

 

Während ich hier am Schreibtisch sitze, kümmert sich Renate um die Gäste. Sie verteilt die Phiolen und die Seidentücher. Ich habe nie viel von diesen Ritualen gehalten, aber jetzt, da ich selbst betroffen bin, rühren sie mich doch an. Die Phiolen werden ausgetrunken, um den Trockenschlaf zu verkürzen. Es ist, als würden Angehörige eines Wüstenvolks Wasser verschütten, um Regen zu erzwingen. Die Seidentücher versinnbildlichen die Seide, in die der Trockenschläfer eingesponnen wird. Die anwesenden Verwandten und Freunde tragen alle eines in der Hand, das soll heißen, dass sie alle mithelfen wollen, den Trockenschläfer auszuwickeln, wenn er wieder aufwachen darf.

Glücklicherweise will sich Renate nicht von mir trennen. Ganz im Gegenteil, sie zieht in der Zeit meiner Schlafhaft bei mir ein, überwacht meinen Schrank und regelt alles mit der Wohnung. Ich bin ihr so dankbar, ich kann es kaum sagen. Weil ich weiß, dass ein Jahr eine lange Zeit ist, habe ich sie aufgefordert, sich mit anderen Männern zu treffen. Wenn es gar nicht anders geht, habe ich gesagt, kann sie ihren Freund oder ihre Freunde auch in meine Wohnung mitbringen. Die Situation verlangt von uns beiden Opfer.

Jetzt muss ich aber Schluss machen. Im Wohnzimmer wird es lebhaft, anscheinend ist Onkel Jakob eingetroffen.

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