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Sara Klatt
Spaziergänger und Liebhaberei

Zweiter Platz: Sara Klatt
Spaziergänger und Liebhaberei

Kapitel 3 - Spaziergänger und Liebhaberei

„Empfänger:
Die Kommune am Ende von Europa
z.H. Fräulein S.
6772091 Tel Aviv, ISRAEL.“


                    Großmutters Post nach Tel Aviv

 

Die Luft in Tel Aviv ist ganz anders als die Luft in Jerusalem. Das liegt am Höhenunterschied. In Tel Aviv ist sie salzig und mild, in Jerusalem unnachgiebig kalt, auch wenn zugleich die Sonne am Winterhimmel steht.
Obgleich beide Städte kaum siebzig Kilometer auseinanderliegen, sind sie nicht wie Bruder und Schwester, sie sind nicht einmal Cousin und Cousine.
Entfernte Verwandte könnte man sagen.
Wenn ich aus Jerusalem komme, und in Tel Aviv aus einem Auto steige, fühlt sich das erste Eintauchen in die Luft wie eine streichelnde Begrüßung an.
„Willkommen zurück du Liebste! Ab jetzt halte ich dich warm umschlungen, du musst nicht mehr frieren. Bei mir ist es gut. Jerusalem ist zu kalt, zu konservativ, zu kompliziert. Hier, bei mir, ist es wärmer und das Leben leichter. Geh nicht zurück! Warum gehst du doch immer zurück? Was findest du dort, was du hier nicht findest?“
Auf diese Art umweht mich die Stadt. Sie schmeckt nach Salz und nach Meer, die Luft ist samtig und ich kann mich hineinlegen, ausruhen, wie in einem Kokon.
Aus dem Ankommen in Tel Aviv habe ich ein Ritual gemacht, es ist ein Dialog in meinem Kopf, für niemandes Ohren bestimmt.

 

In dem Jahr, in dem ich langsam erwachsen wurde, zog es mich zum ersten Mal alleine hier her. Eine Weile wohnte ich in einer Tel Aviver Kommune. Mit mir wohnten eine Koreanerin, die mit spiritueller Hingabe koreanische Gedichte rezitieren konnte, zwei jüdische Amerikaner mit geschickten Fähigkeiten zur Herstellung von Baumhäusern, eine Französin mit kleinen spitzen Brüsten und nervtötendem Akzent, eine Mexikanerin mit einer Vorliebe für Türkische Seifenopern, ein Italiener, der nach zwei abgebrochenen Ausbildungen das Trinken anfing und gelegentlich mit dem Kruzifix über seinem Bett sprach, zwei Deutsche ohne besondere Attribute und eine äthiopischstämmige Israelin, die ein bisschen fromm war, aber nur ihrer Familie zuliebe, und die deswegen einen Militärersatzdienst ableisten durfte.
Unsere asketische Behausung befand sich im südlichen Tel Aviv in einer Straße namens „Yetsiat Eropa“. Auf Englisch übersetzt hieß sie "Exit from Europe“, benannt nach dem berühmten Flüchtlingsschiff Exodus.
Meine Hamburger Großmutter nannte die Straße „Das Ende von Europa“. Das erschien ihr passend und mir dann auch.
Die Irrfahrt der „Exodus from Europe 1947“ führte von den Vereinigten Staaten über Gibraltar, Frankreich und Italien nach Palästina, dann zurück nach Frankreich und schließlich in den Hamburger Hafen, wo alle Passagiere von Bord mussten.
Die Päckchen, die meine Großmutter mir nach Israel schickte, gingen in etwa den umgekehrten Weg.
Sie wusste damals nicht recht, wie eine Kommune zu verstehen sei, aber als ich es ihr erklärte, fand sie es dann ganz vernünftig.
Ob jeder sein eigenes Handtuch hatte, wollte sie wissen. Sie war eine deutsche Großmutter.
Ich schrieb ihr Briefe, übte das Hebräisch, das sie mir beigebracht hatte und schickte ihr bunte Polaroids, auf denen ich glücklich aussah, da ich glücklich war.
Moshe, der Hausmeister, war mein Korrekturleser.
Eigentlich war er kein richtiger Hausmeister und er war auch nicht der kompetenteste seiner Art. Er hatte jemanden verprügelt und ihm zwei Schneidezähne ausgeschlagen, dafür musste er Sozialstunden ableisten und so kam er zur Hausmeisterei.
Moshe konnte Nägel in die Wand hämmern, Fahrräder reparieren und Korrekturlesen.
Man hätte andererseits sagen können, dass er für die Hausmeisterei sehr gut geeignet war.
Als Korrekturleser war er sehr gelassen. Großmüttern zu schreiben sei wichtig, sagte Moshe, der so hieß wie mein Großvater.
Teure Großmutter, Safta yekara. So begann ich, so schlug er es vor.
Meine Briefe, die seiner strengen Zensur unterlagen, blieben nicht lange unbeantwortet.
Die teure Großmutter schickte Päckchen mit Mozartkugeln, die in der israelischen Hitze zerschmolzen. Ihre Hebräische Handschrift sah aus wie eine Kinderschrift.
Moshe und ich aßen die Mozartkugeln, er warf sie sich mit zwei öligen Fingern in den Rachen, kaute zweimal und nickte zufrieden.
Im Juli stickte Großmutter die Namen von allen aus der Kommune auf kleine bunte Handtücher. Zehn Handtücher mit Namen in Hebräischen und Lateinischen Druckbuchstaben. Jeder bekam sein eigenes Handtuch. Handtücher besticken, das machte sie am Liebsten, das konnte niemand so gut wie sie.
Die Handtücher gingen den umgekehrten Weg der Exodus von Hamburg nach Israel und später verteilten sie sich in alle Welt. Amerika, Korea, Frankreich, Mexiko, Italien, Deutschland.
Das hat ihr gefallen. Dinge solcher Art gefielen meiner Großmutter, Dinge solcher Art machten sie glücklich.
Heute ist sie auf dem Hamburger Friedhof und gleichzeitig ist sie überall sonst auf der Welt.



Mit einer ruckartigen Bewegung öffne ich den klemmenden Reißverschluss meiner schwarzen Lederjacke. Anders geht es nicht, denn sie ist alt und verschlissen und man muss rau mit ihr umgehen. So ist sie es gewohnt. Sie kommt von der Straße und weiß mit Sanftheit nichts anzufangen.
An einem Tag mit Nieselregen habe ich sie dort gefunden.
In Tel Aviv liegt an guten Tagen Unmengen von brauchbarem Zeug auf der Straße. Auf die Bänke vor den Häusern legen die Menschen die Dinge, deren Verwendungszweck sie vergessen haben.
Nach einer Weile kommt einer vorbei, der sich erinnert und nimmt sie mit. So kehren sie in den Kreislauf der Sinnhaftigkeit zurück.
Im Sommer findet man besonders viel.
Kleidung, Schuhe, Schmuck, Taschen, Bücher, Kinderspielzeug. Bilderrahmen, Bilder, goldene Blumenvasen, Blumen. Allerlei zauberhafter Tand.
Das Geheimnis ist, dass man lange genug Spazierengehen muss. Wenn man sich neu einrichten will, findet man am besten zuerst die Möbel. Sessel, Tische, Schränkchen. Dann die Dinge, die man in die Möbel hineinlegt oder darauf stellt. Man muss die Reihenfolge einhalten, sonst verzettelt man sich und es entsteht ein Durcheinander.
Ich brauche immer irgendetwas. Folgendes habe ich bereits gebraucht und gefunden: Ein deutsches Märchenbuch, eine riesige asiatische Vase, die aber beim Transport vom Fahrrad stürzte und in lauter kleine asiatische Teilchen zerbrach, ein Schüttelglas mit einer winzigen Winterlandschaft im Inneren, auf die es schneit, wenn man es schüttelt. Und eben die schwarze Lederjacke mit dem ausgefransten Reißverschluss.
Ich kann mich nicht beklagen.

In jenem  Jahr, in dem ich schon ein bisschen erwachsen war, lud man mich in Tel Aviv zu einer Hochzeit ein.
Am Tag der Chuppa erschien mir nichts passend zum Anziehen, also ging ich spazieren.
Nicht weit von der Kommune entfernt fand ich ein bunt geblümtes Sommerkleid.
Für die Schuhe musste ich meinen Radius erweitern und noch eine Runde gehen. Ich fand weiße, hochhackige Pumps aus einer vergangenen Modeepoche.
Für Schmuck, einen Hut, ein Tuch oder eine Handtasche ging ich in ein anderes Viertel, denn die Leute in meiner Gegend hatten so wie ich kein Geld und brauchten ihren Schmuck, ihre Hüte, Tücher und Handtaschen selbst.
Ich fand eine Brosche und eine zerrissene Perlenkette aus Kunstperlen, die man leicht reparieren konnte.
Zuhause richtete ich das neue Ensemble her. Ich wusch das schöne Kleid mit etwas Kernseife in einem Eimer, wie früher, als die Leute noch keine Waschmaschinen in den Wohnungen hatten. Dann hängte ich es nach draußen aufs Dach und sah der Tel Aviver Spätsommersonne bei ihrer nachmittäglichen Routine zu. Nach zwei Tassen war das Kleid trocken.
Zu Rockn’ Roll songs von Bill Haley tanzte ich kleidlos die Schuhe ein, die Katzen im Hof und der alte russische Nachbar von gegenüber sahen zu mir hinauf, er war ein altmodischer Herr und er hatte nur noch wenige Vergnügungen. Er war jung zu Zeiten von Eis am Stiel gewesen und hatte über die Jahre die Zeit verloren.
Mein Sommer war wild und nostalgisch in dieser Stadt, die mich beim Erwachsenwerden Vertrauen und Gelassenheit lehrte.
Das Kleid passte wie angegossen, es bedeckte wie eine Blumenwiese meine sonnengebrannte Haut. Ich legte mein dunkles Haar darüber, schminkte meine Lippen rot und zur Hochzeit kam ich etwas zu spät, wie man das so tut, wenn man noch ein Kleid finden muss.

 

Auch mein Großvater, der ein Professor an der Universität gewesen war, war auf der Straße ein Sachensucher.
Er war auch Sachenfinder, das hatte er in Berlin gelernt, wo ihm die Nazis das Abitur gehörig verhagelt hatten. 
Nach Erez Israel ging er ohne Geld und Habe, er lernte, studierte und arbeitete, und irgendwann gehörten zumindest die finanziellen Sorgen der Vergangenheit an. 
Dreißig Jahre später wollten die Deutschen ihn wiederhaben. Die waren inzwischen alle entnazifiziert, nur noch Deutsche, alles neu in Deutschland. Man hatte begonnen, die Schatten der Vergangenheit tief unter der Erde zu begraben.
Mein Großvater ging zurück.
Ein deutscher Jude bleibt ein deutscher Jude, sagte er und ging zurück.
In der altneuen Heimat musste er neue Sachen finden, denn die Hamburger Wohnung, in die er zog, war groß und schön und leer.
Seine Herkunft vergaß er nie.

Mein Großvater konnte alles reparieren. Reißverschlüsse, Wasserleitungen und Geschirrspüler ebenso wie Schuhe und Gürtel und offensichtlich auch die eigene Seele, denn sonst wäre er nicht zurückgekehrt, nicht nach Deutschland.


In einem Jahr, in dem ich noch weit entfernt vom Erwachsensein war, gingen meine Großeltern sonntags Hand in Hand in Hamburg spazieren.
Am Sperrmüll vorbei gingen sie in Richtung Park, ich ging ihnen hinterher.
Mein Großvater blieb stirnrunzelnd stehen und kehrte um, vor zwei hölzernen Sesseln, mit grünem und braunen Stoff bespannt, hielt er inne.
„Die sind noch gut, die nehmen wir mit.“
Die Sessel verloren sich in den Weiten der großen Wohnung, sie mahnten stets zu Demut und Verzicht. Nicht, dass ihre neuen Besitzer es nötig gehabt hätten.
Mit ihnen bin ich erwachsen geworden.

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Verrückte Welt: Harry Mangold

zweiter Platz: Harry Mangold: Verrückte Welt

...und wie sie von einem kleinen Jungen einmal fast aus den Angeln gehoben wurde...

  Ich sehe es so, dass unsere Liebe so gross geworden ist, weil wir etwas voneinander lernen sollten. Als wir das dann gelernt hatten, konnten wir befriedigt wieder getrennte Wege gehen. Unser Projekt war abgeschlossen. Manchmal denke ich allerdings, dass ich die falschen Dinge von Carla gelernt habe. Zum Beispiel das mit den Zimmerecken. Sie war von der Wichtigkeit der Zimmerecken überzeugt. Nur wenn die Ecken sich wohlfühlen, kann sich auch der Mensch in der Wohnung wohlfühlen. Es ging um mein Schlafzimmer. Am besten hatte es die Ecke mit der Himalayasalz-Kristalllampe auf dem Boden. Ob die Lampe nun aus oder an war, diese Ecke war das Schmuckstück des Zimmers. Auch für die beiden Ecken mit den Nachttischchen war das Leben okay, zumindest funktional. Die vierte Ecke aber wurde den Grossteil des Tages hinter der Tür versteckt. Ausserdem baumelte an einem Kleiderhaken der weinrote Bademantel traurig herum. Nur manchmal am Abend war die Tür geschlossen. Aber dann wurde es meist schnell dunkel, die Ecke versank in nächtlichem Grübeln. 

In einer aufwändigen Aktion hatte ich den stilisierten Hirschkopf samt Geweih aus dem Keller geholt, die abgebrochenen Teile angeklebt und dann über die Tür in der vernachlässigten Ecke gehängt. Für die Ecke war das eine grossartige Aufwertung. Sie röhrte gewissermassen aus sich hervor. 

Aber ich selbst hatte mich im Bett nicht mehr wohlgefühlt. Der Hirsch beobachtete mich. Manchmal bin ich deswegen mitten in der Nacht aufgewacht und konnte erst wieder einschlafen, als ich auf die Couch im Wohnzimmer gewechselt hatte. Irgendwann haben wir dann einen Kompromiss gefunden. Bevor ich ins Bett ging, habe ich ihm die Augen verbunden, und morgens nach dem ersten Kaffee habe ich ihm die Binde wieder abgenommen. Weil der Hirsch aber weit oben hing, musste ich einen Stuhl holen. Hinterher dann den Stuhl wieder in die Küche tragen. Welch ein Aufwand! Mehr als einmal habe ich mich über diesen Prozess geärgert. Ausserdem war das nicht ganz ungefährlich. Morgendliche Schlaftrunkenheit behinderte mich. Das ist verharmlosend ausgedrückt. Man könnte auch von Gleichgewichtsproblemen sprechen. Und Gleichgewichtsprobleme sind nicht förderlich, wenn man auf einen Stuhl steigen will, um einem Hirsch die Augenbinde abzunehmen. Es ist allein dem Glück zu verdanken, dass nie etwas passiert ist. Inzwischen habe ich den Hirsch längst wieder abgenommen und durch einen grossen Regentropfen ersetzt. Der ist aus grünem Glas und hängt von der Decke. Grob geschätzt habe ich den Ärger mit dem Hirsch zwei Jahre mitgemacht.

 

Lebensoptimierungsprozesse brauchen ihre Zeit. Etwas in mir weigert sich dagegen. Es liegt daran, dass hier die innere Logik des Kapitalismus am Werke ist: Wir müssen immer noch etwas zusätzlich bekommen, damit es uns endlich gut geht. Da mache ich nicht mit. Mir soll es gleich gut gehen. Deswegen habe ich mich jahrelang über den Hirsch geärgert. 

Carla sass auf dem Sofa. Sie sah immer noch gut aus. Ist es wichtig, dass sie gut aussah? Aber was ist schon wichtig? Da fällt mir etwas ein: Es geht um den Punkt auf dem kleinen i. Wenn man mich einfach mal so gefragt hätte, hätte ich gesagt, der Punkt auf dem kleinen I, der ist überflüssig, der gehört abgeschafft. Die Wissenschaft jedoch hat festgestellt, dass der kleine I-Punkt so wichtig für das Lesen ist, wie der kleine C für das Gehen. Und falls das jemand nicht weiss: der kleine C ist sehr wichtig für das Gehen. 

Ich hatte genug von der immer noch gut aussehenden Carla gelernt. Mein Herz rührte sich kaum, gefühlte 800 km entfernt. «Mach doch eine Kurzgeschichte daraus», sagte sie. «Es ist keine Kurzgeschichte, es ist ein Kinderbuch. Das Kinderbuch ist die Krönung der Kunstgeschichte. Ein Kinderbuch verbindet die Kunst des Erzählens durch Text mit der Kunst des Erzählens mit Bildern. Bei einem Comic stimmen die Relationen nicht, zu viel Bild, zu wenig Text. Der Text gibt meist zudem nicht viel her. Beim Kinderbuch kann ein einzelnes Bild...» «Ja schon» unterbrach mich Carla, «... aber du hast nunmal niemanden, der die Bilder zeichnen kann, und der Text ist so schön, dass ich dir befehle, etwas daraus zu machen. Es darf einfach nicht sein, dass diese Geschichte auch wieder einfach so verschwindet. Die Leser denken sich ihre Bilder schon selbst.» So ging es noch eine ganze Weile hin und her. Ich wusste, dass Carla es gut meinte, gut mit mir und auch gut mit dir. Freundschaft ist vielleicht das richtige Wort. Fehlt noch etwas? Ach ja klar, die Kurzgeschichte: 3 

 

Alle im selben Boot 

In Wuppertal lebte einmal ein kleiner Junge. Er hiess Henry. Zusammen mit seiner Schwester Gerti wohnte er unter dem Dach in einem sehr schönen Kinderzimmer mit den ganzen Spielsachen drin. Sein Bett stand unter dem Kippfenster. Beim Einschlafen schaute Henry oft in den Himmel. Wenn das Wetter klar war, konnte er dabei viele Sterne sehen. (Bild vom Zimmer mit dem Bett und den ganzen Spielsachen drin, Henry liegt im Bett und schaut in die Sterne) 

Je länger er in den Himmel schaute, desto mehr Sterne waren zu sehen. Wenn er nicht einschlafen konnte, zählte er sie. Einmal bei Neumond, wenn besonders viele Sterne zu sehen sind, kam er bis 204! 

Weil Henry so viel in den Himmel schaute, begann er sich für ihn zu interessieren. Er wollte wissen, was dahinter kommt. Bald kannte er die ganzen Planeten, einer hatte den lustigen Namen Pluto. Er wusste auch, dass die Sonne grösser war als die Erde und die Erde grösser als der Mond. Er wusste warum es Winter und Sommer gibt. Das kam, weil die Erde schief im Weltall lag. Er hatte viele Bücher, in denen viele Bilder waren und alles erklärt wurde. So wusste er auch, dass die Erde um die Sonne fliegt und der Mond um die Erde. Allerdings war die Erde ziemlich langsam. Sie brauchte ein ganzes Jahr für eine Runde. Der Mond schaffte die Runde an einem Tag! (Bild des Sonnensystems mit schief liegender Erde) 

Henry lebte in einer Zeit, als die Menschen viel vom Klimawandel sprachen. Damit war gemeint, dass es durch die vielen heissen Abgase von Autos und Fabriken immer wärmer wurde auf der Welt. Im Fernsehen wurde davon gesprochen und auch in der Schule. Selbst seine Eltern redeten manchmal beim Fernsehen darüber und fragten sich, ob das Tief Katrin aus dem Wetterbericht mit dem Klimawandel zu tun hatte. (Bild von den Abgasen und dem Tief Katrin und rätselnden Eltern) 

Für Henry war die Erderwärmung durch den Klimawandel gut, weil er Wärme lieber mochte als Kälte. Für viele andere aber war das schlecht, weil das Eis an den Polen taut und deshalb das Meer immer voller wird und bald über den Rand schwappt und viele Inseln unter Wasser setzt. (Bild mit voller werdendem Meer und Inseln unter Wasser) 

Henry mochte Inseln sehr. Zwei Mal war er schon in den Ferien auf Sylt gewesen. Das war eine wunderbare Zeit. Er hatte den ganzen Tag am Strand im Sand gespielt und Burgen mit allem drum und dran gebaut. Auch die Strände würden verschwinden. Deswegen war Henry mit voller Wucht gegen den Klimawandel. (Bild einer Sandburg mit allem drum und dran)

Er wollte etwas dagegen tun. 

Eines Abends beim Einschlafen, er war gerade wieder einmal dabei die Sterne zu zählen und schon bei 96 angekommen, da kam ihm die Idee. Die Erwärmung der Erde kam doch eindeutig von der Sonne. Man müsste deshalb einfach die Erde ein Stück von der Sonne wegrücken, dann wäre das Problem gelöst. So begeistert war er von dieser Idee, dass er ganz vergass, die Sterne zu zählen und deshalb in dieser Nacht noch schlechter einschlief. 

Obwohl er am nächsten Morgen sehr müde war, erzählte er seiner Mutter von der Idee. Aber die lachte nur und sagte, dass das nicht ginge. Sein Klassenlehrer, Herrn Huber, lachte zwar nicht, glaubte aber, dass die Erde viel zu schwer zum Verschieben sei. 

Sein Vater meinte, dass selbst wenn man es schaffen würde, die Erde ein Stück zu verrücken, sie doch bei nächster Gelegenheit, wenn gerade niemand guckt, wieder zurückschnellen würde wie ein Gummiband. (Bild von Mutter, Lehrer, Vater wie sie Henrys Idee ablehnen) 

Diese Antworten waren typisch für die Erwachsenen. Sie fanden immer schnell Gründe dafür, warum etwas nicht geht. Manchmal ging es aber dann doch. Man musste nur immer neue Gründe erfinden. Wer Henry kannte, der wusste, dass er so schnell nicht aufgibt. Er wollte unbedingt die Welt retten, auch wenn es schwer werden würde. Als er am nächsten Abend wieder im Bett lag und in den Himmel schaute, da überlegte er weiter, wie man die Erde verschieben könnte. Natürlich bräuchte man eine grosse Rakete, die mit einem starken Band fest in der Erde verankert werden müsste. Diese Rakete müsste man dann in das Weltall schiessen. Aber welche Geschwindigkeit muss sie haben? Die Erde soll ja nur ein kleines Stück verrückt werden. Wer kann das ausrechnen? 

Leider war Henry in Mathe nicht gut in der Schule. Letztes Jahr hatte er seine Eltern sogar heimlich belauscht, als sie in der Küche von Nachhilfe geredet hatten. Sein Vater war zum Glück dagegen gewesen. Bei dieser Erinnerung wurde Henry sehr, sehr müde. Aber das machte nichts, denn er wollte sowieso gerade einschlafen. (Bild von der Erde mit einem Band dran und mathematischen Formeln drumherum) 

Da aber klingelte das Telefon. Henry meldete sich mit «Henry». Es war ein Amerikaner aus Cape Canaveral dran. Henry wusste, dass von da die Weltraum-Raketen in das All geschossen werden. Der Mann sprach mit einem starken Akzent, aber man konnte ihn gerade noch verstehen. In Amerika hatten sie von seiner Idee gehört und alles genau ausgerechnet. Die ganze Sache könnte klappen! Henrys Herz machte einen Jubelsprung. (Bild mit amerikanischer Flagge und startenden Silvester? - Raketen) 

«Es gibt allerdings noch ein Problem: die Erde ist noch etwas zu schwer. Sie wiegt 8768657888987776667842372 Kilo. Wir müssen aber auf 7798657432987776667842342 Kilo runter kommen.» 

Der Amerikaner sagte, dass wir ein Aktionsprogramm bräuchten, welches die Erde leichter machte. Henry überlegte. Das sollte möglich sein! Man müsste alle Gummitiere und Luftballons aufblasen und an die Erde hängen. Dann würde sie schon deutlich leichter sein. Zusätzlich wäre es gut, wenn alle dicken Menschen auf der Welt eine Diät machten. Henry wusste, dass so etwas von der Politik entschieden wird mit einem Gesetz. Das macht der Bundeskanzler. Was er entscheidet, da müssen sich dann alle dranhalten. (Bild der Erde mit Luftballons dran, Bild vom Bundeskanzler mit Bauch auf einer Waage)

 

Falls nach der Diät die Erde noch immer zu schwer wäre, gäbe es eine dritte Massnahme: Alle Kinder müssten alle ihre Süssigkeiten an einem einzigen Tag aufessen. Dann wären die auch noch weg und würden nicht mehr ins Gewicht fallen. Sofort ging er an sein Geheimfach hinter den Kinderbüchern im Schrank und fing an, seine Vorräte aufzuessen. Zuerst war es sehr, sehr lecker, aber bei der letzten Tüte mit Gummibärchen, da wäre ihm fast schlecht geworden. (Bild von Henry, Süssigkeiten essend, leere und volle Tüten) 

Aber er schaffte es. Als er die letzten Gummibärchen runtergeschluckt hatte, rief er sofort in Amerika an. „Wir können beginnen“, sagte er. Der Amerikaner hatte mit dem Anruf von Henry gerechnet. Die Rakete war schon mit einem dicken Seil an der Erde festgemacht und musste nur noch gestartet werden. Durch das Telefon hörte Henry „feif-for-sri-tu-wann“, danach gab es einen grossen Knall. Dann war Ruhe. Ungefähr eine lange Minute danach gab es einen kurzen Ruck und Henrys Bett rutschte ein Stück von der Wand weg, dann auf einmal grosser Applaus aus dem Telefonhörer. „Es hat geklappt!“ schrie der Amerikaner. „Es hat geklappt!!!!“ (Bild mit jubelnden Amerikanern, die aber herumpurzeln, weil die Erde verrutscht ist) 

„Aufstehen, Frühstück ist fertig!!!“, …das war die Stimme seiner Mutter. Henry lag in seinem Bett. Hatte er alles nur geträumt? War der Klimawandel gar nicht verschwunden? Ein Blick in sein Geheimfach gab ihm Gewissheit. Er hatte die ganze Geschichte nur geträumt: Die Süssigkeiten waren alle noch da. Wenigstens etwas. (Bild, welches Henry und das Geheimfach mit den ganzen Süssigkeiten zeigt) 

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