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  • Franziska

Kastanienzeit in Othmarschen


Eine 90-jährige Dame schiebt ihr Fahrrad durch die laubbedeckte Gehweggegend. Ab und zu bückt sie sich, hebt eine Kastanie auf und legt sie zu den vielen anderen, die in ihrem Fahrradkorb liegen: „Wissen Sie, die Kinderaugen, wenn ich ihnen eine Kastanie schenke, dieses Lachen, diese Begeisterung, dass es das noch gibt heutzutage. Deswegen sammle ich jetzt jeden Tag Kastanien. Wenn ich ein Kind sehe, dann gebe ich eine Handvoll und dann freuen sie sich.”

Sie setzt ihre Erzählungen lückenlos, sprunghaft fort. Ich lasse sie so gerne weitersprechen, es ist eine Freude ihr zuzuhören. Sie erinnert mich an meine Großmutter, die um die Ecke in der Jungmannstraße gewohnt hat. Ich wollte nachsehen, ob das Perückengeschäft in der Villa noch da ist, da hat meine Großmutter einmal im Monat ihre neue Frisur abgeholt. Das Geschäft war weg, stattdessen sitzt da jetzt ein Arzt für Gewebeschäden. Direkt vor dem Schild mit dem Aufdruck: Praxis für Gewebeschäden, an der Ecke zur Waitzstraße, treffe ich die alte Dame mit rotem Hütchen. Ich bin über ihre Kastanien begeistert und wir stehen, haben Zeit, nehmen uns Zeit und reden.


„Ich bin auch vier Jahre zur See gefahren, 1958, ja. Da war alles anders, das waren andere Zeiten. Ich habe auf den Frachtern als Kindergärtnerin gearbeitet. Da waren die Männer, die Väter, nach Japan bestellt und die Frauen mussten mit dem ganzen Umzug und den Kindern mit dem Schiff hinterherfahren. Ja, da habe ich auf die Kinder aufgepasst, wir hatten einen eigenen Raum im Schiff. Aber ich habe da viele Aufgaben übernommen, da war ich Mädchen für alles, manchmal auch die rechte Hand des Kapitäns. Da bin ich dann immer zwischen Japan und Hamburg hin und her gefahren, immer ein paar Wochen. Zum Glück gab es da noch nicht die Containerschiffe wie heute. Gott, die sind ja furchtbar. Nein, nein. Ich bin so durch die ganze Welt gekommen, habe alle Länder gesehen, habe Kinder gehütet, oder andere gepflegt, war an Orten wo die meisten viel Geld bezahlen würden, ich habe dafür noch Geld bekommen. Wissen Sie, mit einer Familie, deren Kinder ich gehütet habe, bin ich immer noch befreundet. Die leben in Blankenese. Ja, das waren früher andere Zeiten. Freundschaften waren noch Freundschaften. Ich bin durch ganz Hamburg zur Schule gegangen, lange Wege. Heute werden Kinder ja nur noch gefahren. In diesen Fahrrädern mit Kästen vorne dran, unheimlich, mir würde da schlecht werden. Den Hut trage ich, damit meine Frisur nicht unordentlich wird. Ja, ja, die Kastanien. Wie lange freuen sich Kinderaugen noch über ein paar Kastanien?“


Wir reden über Gott und die Welt. Aber den Krieg klammert sie aus, den Krieg, den sie erlebt hat. Ich klammere den Krieg aus, den ich nur aus der Ferne verfolge, der trotzdem in meinem Inneren lebt, der uns alle mitbetrifft, der da ist. Ich höre die geflüchteten Frauen und Kinder überall, meine, sie zu erkennen. Ich sehe Handys, in die zwecks Übersetzungshilfen anders hineingesprochen wird als sonst. Ich sehe die Kastanien, die Bäume, die Erde, das Laub, den Sand und denke an die Bilder mit den ausgehobenen Massengräbern.

Mein Blick geht über die ausgegrabenen Löcher, hält sich auf der Höhe der Baumstämme, ich stelle die Augen auf unscharf, es ist ein Nebelbild. Ich ertrage es nicht gut und ich sehe nur ein Bild. Mädchen, so nenne ich mich manchmal selber, vor allem wenn die Stimme streng wird, Mädchen, stell die Augen scharf, sieh dir wenigstens das an, was andere erleben, durchleben müssen. Ob es überhaupt geht und wie es geht, sei dahingestellt. Schaue genau hin, Mädchen. Ich sehe wieder den Fahrradkorb mit den vielen Kastanien, vielleicht sind es so viele wie Menschen in den ausgehobenen Gräbern? Aber wir haben den Krieg ja ausgeklammert.

Sie setzt abrupt ihren Fuß auf die Pedale und bricht das Gespräch ab, als hätte sie meine Gedanken gelesen, eine neue Frage befürchtet. Sie holt Schwung wie ein junges Mädchen und folgt der Straße, die sich durch eine Kurve biegt. Sie ruft: „Ade“ und „Alles Gute“. Ich möchte noch sagen: „Vorsicht, die Blätter können rutschig sein, Vorsicht in der Kurve“ und „ich danke Ihnen für das schöne Gespräch.“ Aber da ist die 90-jährige Mädchen-Frau schon davongeradelt, mit vielen nackten Kastanien im Fahrradkorb, die stacheligen Schalen liegen noch hohl auf der Erde, vor dem Schild mit den Gewebeschäden. Die Kastanien hüpfen in der Kurve, ohne zu stechen, ohne zu verletzen und zum Glück ohne rauszufallen.


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