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  • katelijne7

Joie de Vivre

Joie de Vivre


Der kürzeste Tag des Jahres ist vorbei, ein Frühlingsgefühl hängt in der Luft, ich habe Lust, den Weihnachtsbaum rauszustellen. Mehr Platz! Nicht nur Plätzchen. Haha.

Es ist aber gerade erst Weihnachten, der Baum soll noch bleiben, aber viel Platz ist hier nicht, wir sind zu sechst im Haus. Die beiden erwachsenen Kinder sind schon vor Wochen aus Münster nach Hause gekommen, der Fünfzehnjährige freut sich, dass seine Geschwister so lange da sind und er nicht alleine bei den Eltern in familiärer Quarantäne wohnen muss. Vor einigen Tagen habe ich auch noch die Schwiegermutter abgeholt, um sie zu schützen waren wir in wochenlanger Isolation.


In der Adventszeit haben wir so gut wie niemanden getroffen. Kein Kaffeetrinken, keine Cafébesuche, keine Freunde abends, nicht tanzen, nicht diskutieren, nicht umarmen. Spazieren, das schon. Ein Advent im Schlamm. 2020 verabschiedet sich mit Nieselregen, dunklen Wolken und kaltem Südwestwind, Stärke 7.

Gestern Morgen bin ich mit meiner Tochter Sophie für eine sportliche Tour durch die Felder losgerannt. Aber zum ersten Mal, seit wir zusammen laufen, haben wir die Runde nicht geschafft. Nicht weil es zu anstrengend war, sondern weil wir in Heiligabendstimmung optimistisch in einer Regenlücke losgetrabt waren. Ohne Jacke.


Wir sind fünfzehn Minuten tapfer durch den strömenden Regen gelaufen, der natürlich sofort wieder eingesetzt hatte. Wir haben weitere fünf Minuten gebraucht, um uns einzureden, falls es zu kalt würde, könnten wir jederzeit umkehren, jederzeit! Weitere drei Minuten brauchten wir, um festzustellen, dass das Shirt komplett durchnässt war, der Kopf stechend kalt, die Oberschenkel eisig. Der Wind beißend. Der schlammige Feldweg voller Pfützen.


Wir sind auf halber Strecke umgekehrt. Ein Mathematiker würde hier behaupten, dass das Ergebnis dennoch eine ganze Strecke war, aber das stimmt nicht ganz. Wir waren nicht am Bach, nicht im Wald, und die beiden Berge haben wir auch ausgelassen.


Es war fast unmöglich, an diesem Heiligabend die Haustür zu öffnen und die Laufschuhe auszuziehen. Die Beine waren so kalt, dass ich kaum die Treppe hochgehen konnte. Mein Kopf fühlte sich wie ein Nadelkissen an. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung, ich weiß. Es gibt aber auch übermütiges Losgaloppieren, weil sich gerade eine Regenpause auftut.


Als ich endlich unter der Dusche stand, las ich auf dem Duschgel: Joie de Vivre. Macht aus Pessimisten Optimisten.

Ich stellte die Flasche wieder zurück und nahm ein Stück Seife, denn auf eine Persönlichkeitsveränderung an Weihnachten hatte ich keine Lust.


Heute gibt es keinen Regen, man kann spazieren gehen. Mit den Kindern, mit den Großeltern. Unterwegs überlege ich, was wir gleich essen sollten. Es ist der erste Weihnachtstag, es sollte schon etwas Feierliches sein. Was sich banal anhört, kann schnell sehr kompliziert werden, denn einige unter uns sind Fleischliebhaber, andere vegan. Beim Gehen kann man relativ gut miteinander reden, man braucht keine Gesichtsmaske und schaut schon mal in dieselbe Richtung.


Ein Pessimist würde hier einwerfen, durch Corona läuft man nur noch nebeneinander her, man habe verlernt, einander ins Gesicht zu sehen. Die Welt sei jetzt viel unpersönlicher, kälter, individualistischer, egoistischer. Jeder könne sich hinter seiner Maske verstecken.

Zu den Kopfhörern, die uns von unserem Publikum isolieren und die den Eindruck erwecken, wir seien alle fremdgesteuert und willenlos, komme jetzt auch die Maske, die dafür sorgt, dass die gesamte Mimik und dadurch der letzte Rest der Kommunikation verschwindet.


Aber es gibt Duschegel, das Lebensfreude verspricht.

Und es gibt die Spaziergänge. Während der Diskussionen am Tisch, wenn man sich gegenüber sitzt und die Gesprächsmunition, von herrlicher Weihnachtsmusik begleitet, abgefeuert wird, kann die Stimmung schnell kippen, außerdem ist man gefährdet, sich eine Krankheit einzufangen. Das Risiko, sich zu verletzen und einander zu beleidigen, ist hoch. Daher sollte man rechtzeitig spazieren gehen. Dabei schon mal in die gleiche Richtung schauen, sodass die Worte frei reisen können, damit sie nicht so haften bleiben und verletzen.


Ich sitze im Wohnzimmer, höre aber jetzt mit dem Schreiben auf. Schwiegermutter wacht aus dem Mittagsschlaf wieder auf. Ich höre, wie sie sich langsam die Treppe hinuntertastet, und versuche, schnell noch wegzukommen. Ich brauche erst noch etwas frische Luft, Schlamm und Westwind, bevor ich einen weiteren Abend am Kamin mit der Familie feiern will.

Schnell greife ich den Regenmantel, die Stiefel, die Mütze. Ich will gerade rausgehen, als meine Cousine aus Schottland anruft. Ich setze mein Headset auf, geh in die Dämmerung hinein und freue mich, mit ihr zu reden.

Die Tage werden länger! jubelt sie. We made it! Spring is coming!

Sie sei schon im Schlafanzug und trinke Prosecco, Completely Ignoring Brexit and Virus.

Sie wohnt im faszinierenden Edinburgh, alleine. Vor einigen Tagen war der Nebel dort so dick, dass nur das Schloss zu sehen war, wenn man auf Arthur’s Seat hochkletterte.


Der Nebel, sagt sie, yeah, Mist, sage ich. Sie sieht aus ihrem Fenster auf die graue Straße, die im Nieselregen glänzt. Gegenüber steht ein großer Weihnachtsbaum, der halb geschmückt ist. Sie beschreibt die bunten Lichter und Schleifen, die nur an einer Seite im Baum hängen.

There is this pathetic tree which has somehow lost it’s joie de vivre, sagt sie. It definitely needs some jazzing up.

Don’t we all? überlege ich.


Oh dear, sagt sie.

Cheers! sage ich.


Edinburgh Castle by Adam Bulley



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