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  • Franziska

Es gibt jetzt Oligarchen auf Sylt

1. Akt Es ist heiß in Hamburg. Weit über 30 Grad. Die Sonne brennt. Es weht kein Wind. Wir befinden uns an einem beliebigen Platz mit Bänken und Schatten, irgendwo in der Innenstadt. Eine Frau, über 50. Ein junger Mann Anfang 20. Sie sitzen auf zwei einander gegenüberstehenden Bänken. Zwischen ihnen steht ein Einkaufswagen gefüllt mit ihren Besitztümern und Wasser. Frau: „Da bin ich einmal, völlig verzweifelt, aber ich trinke nicht. Das möchte ich hier mal betoonen, jahaaaa. Also auf jeden Fall bin ich hungrig und verzweifelt in den Laden gegangen und habe mir ein Kotelette oder sowas, also ein großes Stück Fleisch, an der Fleischtheke bestellt. Die Frau dahinter wollte es mir gar nicht geben, so wie ich aussah. Hat sie dann aber doch gemacht, ha. Jedenfalls hatte ich dieses Fleischpaket in den Händen und bin dann zum Gewürzregal und habe mir so eine kleene Dose genommen, Steakgewürz. Mit meinen restlichen Zähnen die Plastik Hülle abgerrissen, das Fleisch aus dem Papier befreit und ordentlich draufgestreut. Dann habe ich in das rohe Fleisch gebissen und ich sage mal so: es hat geschmeckt. Leider hat das Kauen unheimlich lange gedauert. Dann kam auch schon die Security: guck mal da beißt eine Frau in rohes Fleisch. Mein Gott, früher war sowas völlig normal. Ich trinke nicht, ne? Habe ich Ihnen schon erzählt, ich habe mir mit Flaschensammeln mein neun Euro Ticket bezahlt. Deswegen sind wir jetzt auch hier. Jaha, sonst wären wir gar nicht nach Hamburg gekommen, mein Bekannter und ich. Was glauben Sie denn? Nichts nehme ich an. Ich komme eigentlich aus Hagen. In Hagen hatte ich eine Beziehung mit Hagen, wirklich jetzt. Naja, also es war wie man heute so auf Neudeutsch sagt, eine toxische Beziehung. Also wirklich. Aber ich glaube an Gott, sonst wäre ich nicht hier. Außerdem bin ich in meinem Leben auf Händen getragen worden. Jaha, ich rauche nicht, ich trinke nicht und ich bettle auch nicht. Wissen Sie wie schwer mir das fällt da beim Bäcker mal nach einem Kaffee zu fragen? Diese jungen dicken Küken, die geben einem nichts. Diese verwöhnten Blagen. Die denken immer sie haben eine obdachlose, betrunkene Drogentussi vor der Tür. Nahein, nicht mit mir. Dann erzähle ich denen erstmal was und dann checken die auch schon, mit wem sie es da zu tun haben. So, dann traue ich mich höchstens noch mal nach Leitungswasser zu fragen. Also in Hagen ist es besser als hier in Hamburg. Nur nicht mit Hagen. Bin ich froh, dass ich den los bin. Scheißer. Da sind die im Bäcker netter. Wir waren auch auf Sylt, mit dem neun Euro ticket. Es gibt jetzt Oligarchen auf Sylt. Jahaa. Da hat uns Corona erwischt. Aber ist doch nobel, also wenn man schon Corona kriegt, dann doch bitte auf Sylt. Wie schick ist das denn? Wir lagen da in diesem Hauptort, weiter sind wir nicht mehr gekommen, mein Gott ich dachte ich kratz ab. Da haben wir uns so einen Platz gesucht. Mit kleinem Dach drüber, also in der Fußgängerzone. Dann habe ich versucht zu schlafen den ganzen Tag. Mein Bekannter hat nach Wasser gefragt, mehr hatten wir ja nicht. Essen wollte ich sowieso nichts. Hat auch nicht mehr geschmeckt. Und immer wenn uns einer verjagen wollte, habe ich so richtig übel gekrächzt: komm mal nicht näher Bürschchen, wir haben hier beide Corona und kratzen noch ab. Da haben die uns

doch zwei ganze Wochen in Ruhe gelassen. Selbst die Inselpolizei hat sich nicht an uns ran getraut. Anweisung von ganz oben, wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja keiner. Der Hagen war ein Schisser. Ein versoffener Lump. Der hat sich Dinger erlaubt. Mein ganzes Geld, alle Möbel, meine ganzen Porzellanfiguren, alles hat er vertickt. Mir den Teppich unterm Arsch weggezogen. Herrje. Ne, also ich bin fertig mit den Kerlen. Ja guck se dir doch an? Da willste doch nicht drunter liegen, oder drauf. Hehehe. Also wir haben hier Sahara Verhältnisse. Tagsüber ist es heiß und nachts schweinekalt. Hat doch auch was Gutes. Da müssen wir gar nicht in den Urlaub fahren. Also ich komme in meinem bescheidenen Leben nicht in die Wüste, Sie? Aber ich würde gerne mal fliegen, also in einem Flugzeug, das würde ich gerne mal erleben. Aber vielleicht haben wir nächstes Jahr das neun Euro Flugticket. Dann fliegen wir nach Hagen zurück, aber nicht zu Hagen. Da bin ich zur Bahnhofsmission gegangen und habe die Säcke dort nach Schlafsäcken gefragt. Also für mich und meinen Bekannten. Da haben die mir keine gegeben. Ich sollte in Hagen nachfragen, da wo ich herkomme. Die Schlafsäcke die sie haben sind nur für Hamburger Obdachlose. Ja also da war ich mal sprachlos. Können „Se“ sich das vorstellen? Ich und sprachlos? Mit fällt immer was ein. Gestern Abend habe ich ein Hamburg Andenken auf der Straße gefunden. Na sehen „se,“ geht doch. Ist ein richtiger Touritrip den wir hier machen. Och Mensch da habe ich mich gefreut. Jetzt habe ich was in Hagen aus Hamburg. Aber nicht für Hagen, dem Drecksack. Ich trinke nicht, keinen Tropfen. Corona ist ein eingesetzter Biovirus, da lasse ich einen drauf. Deswegen bin ich auch nicht geimpft, ne ne wo kommen wir denn dahin? Es gibt einfach zu viele Menschen. Da denken sich die oberen Leute halt was aus. Ja, da müssen „se“ gar nicht so groß glotzen. Ist so. Da stecken die Systeme dahinter. Die Konzerne und die Systeme, beide stecken da unter einer Decke. Na denen ist schön warm. Da wird dann so ein bisschen hin und her gewackelt und sagen wir`s einfach auf deutsch: gebumst. Und neun Tage später kommt da so ein schöner Virus raus, der wird dann nach einem Bier, oder nach einer Bohne benannt. Ich trinke ja nicht, dann eben nach der Bohne. Und dann gibt es ruckzuck auf der Welt weniger Menschen. Also deswegen haben wir da nicht mitgemacht. Aber wenn ich so einen Chip kriegen soll, dann höre ich auf. Da mache ich dann nicht mehr mit. Dann kommen Sensoren die in unseren Körpern schwimmen und permanent Informationen senden. Und was glauben sie an wem werden die zuerst ausprobiert? Na an uns natürlich. Wir liegen hier schutzlos auf der Bank, ohne Schlafsack. Wir sind leichte Beute. Ne, ne da gebe ich die Klinke ab. Wenn die Chips kommen, dann gehe ich. Mann: „In Sylt, ne da habe ich acht Bier hintereinander gekippt, und dann war mir schwindelig, Kreislauf Zusammenbruch und ich brauchte dringend Wasser. Da hat mir meine Bekannte hier einen fünf Euroschein gegeben und ich bin da im Bahnhof in das Kiosk und habe mir eine Flasche Wasser gekauft. Wissen sie was die gekostet hat? Fünf Euro. Ich habe dann den Kassenzettel mitgenommen, damit meine Bekannte mir auch glauben kann. Da stecken doch die Oligarchen dahinter. Warum sind die denn sonst so reich? Fünf Euro. Das ist doch Turbokapitalismus. Einmal habe ich völlig besoffen in Hagen eine Gruppe von Leuten angesprochen, die ließen einen Joint rumgehen und ich hatte das gerochen. Die haben mir den dann

geschenkt und ich habe das Ding alleine zu ende geraucht. Dann bin ich zusammengebrochen und lag auf der Straße. Da hat keiner mal gestoppt und gefragt was ist los? Ich habe mir dann selber einen Krankenwagen gerufen. Die haben dann festgestellt, dass es kein Gras, sondern Kokain war. In Unterkünfte gehen wir nicht. Da fängt man sich alles mögliche ein. Da kommen wir mit Läusen und der Krätze wieder raus. Außerdem klauen die da wie die Raben. Da muss man mit Schuhen schlafen oder auf seinem Gepäck liegen. Da ist der Rücken nach kurzer Zeit im Arsch. Ich habe gestern bei der Bahnhofsmission gefragt ob ich mal duschen dürfte. Da habe die mir gesagt geh doch in die Alster, oder in die Elbe. Die Duschen sind belegt. Bevor das neun Euro Ticket ausläuft, müssen wir zurück nach Hagen. Wenn wir das verpeilen, dann müssen wir in Hamburg bleiben. Also nicht im Suff einschlafen, sonst ist der Zug abgefahren. Aber wir trinken ja nicht.

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