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  • katelijne7

Die Geisterfahrerin

Aktualisiert: Juli 21

Achtung, liebe Autofahrer. Es gibt eine GeisterfahrerIn auf der A4, Köln Richtung Aachen, zwischen Weißweiler und Eschweiler. Bitte halten Sie sich rechts und überholen Sie nicht.


Die Straße ist sehr befahren, aber verschiedene Hecken sorgen dafür, dass das Grundstück uneinsehbar ist. Es gibt einen alten Baumbestand. Tannen. Ich fahre zu dem Parkplatz hinter der Buchenhecke, sehe dort schon den Gärtner, wie er mit Dreiviertelhose und Wanderschuhen, Muskelshirt und Arbeitshandschuhen die Schubkarre voller Gartenabfall über den nassen Rasen schiebt. Er ist Anfang sechzig und sieht mich nicht. Er ist ja auch beschäftigt.

Ich sehe den Anfang einer Bambushecke, die gerade eingepflanzt wird. Bambus ist monokarpisch, was heißt, dass er nur einmal im Leben blüht. Er versucht sich über Jahre zu erstarken. Sobald er genügend Reserven hat, wird ein Blütenstand hervorgebracht. Aus dem entstehen Früchte, die Pflanze stirbt. Durch Rückschnitt vor der Fruchtbildung kann die Lebensdauer etwas verlängert werden. So habe ich das gelesen. Ich gehe den Kiesweg entlang und klingele an die Tür der weißen Villa aus den 60-ern. Bambus, denke ich, gehört hier eigentlich gar nicht hin.


Es wird nicht gleich aufgemacht, so dass ich Zeit habe, mir die verstaubte, gusseiserne Laterne anzusehen. Die Kieswege, die um das Haus herum laufen. Die abgeblätterten Holzfenster. Die geborstenen Terracottafliesen vor der Tür, die noch relativ neu aussehen, aber nicht frostsicher sind.

Die Tür geht auf. Die Gastgeberin lässt mich rein, und nach dem Desinfizieren der Hände werde ich durchs Haus geführt, an der Teeküche vorbei, in der einige Personen in Bademantel um den Wasserkocher sitzen. Ob sie auch ein Hochwasserproblem haben hier?

Wir laufen in den Garten hinaus. Sie geht vor mir her und pickt sich geschickt auf ihren roten High Heels über die Kieswege. Hinter einer Hecke ist eine Holzterrasse mit Klickfliesen, dort steht eine anthrazitfarbene Gartengarnitur. Ich setze mich in einen tiefen Loungesessel, ein Glas Prosecco steht schon auf dem niedrigen Tisch bereit, ein sanfter Wind spielt mir in den Haaren und ich darf mir eine Dame auswählen.

Lisa, Emilia oder Brigitte.


Sie können eine Dame auswählen, sagt die Chefin. Sie sind alle geimpft und negativ getestet.

Ich bin hierher gekommen, weil ich eine erotische Massage gebucht habe. Es ist ein sonniger Nachmittag im Juli und ganz schön warm hinter dem Bambuszaun, der als Sichtschutz funktioniert.


Als erste kommt Emilia. Sie ist dünn, klein, hat einen schwarzen Stringbody mit Quasten an. Sie gibt mir die Hand. Hallo, ich bin die Emilia. Ich merke kaum ihren Händedruck, wie ein Schmetterling ist die Berührung.

Hallo Emilia, sage ich, wie geht’s. Sie nickt mit einem schiefen Lächeln und zieht sich wieder hinter den Bambuszaun zurück. Die Chefin sieht mich an. Ich trinke vom Prosecco. Bevor ich fragen kann, wie es Emilia nun geht, kommt Lisa. Sie ist schwer, eigentlich richtig dick, hübsch und sie lächelt freundlich. Der Händedruck ist warm und weich, der weiße Bikini riesig und mit Spitzenbord. Was geht? frage ich. Sie zuckt die Schultern und stapft wieder weg. Dann kommt Brigitte aus den Kulissen, eine schmale, stark geschminkte Person mit stechendem Blick und weißer Wäsche. Sie hat schöne Strumpfhalter an, tolle Strümpfe und sehr elegante Schuhe. Sie druckt meine Hand kräftig. Bestimmt eine Polizistin. Hey Brigitte.

Einen schönen guten Nachmittag, sagt sie.

Ich trinke meinen Prosecco aus, er steigt mir gleich in den Kopf. Am Liebsten würde ich mich mit den Damen unterhalten. Arbeiten sie hier gerne? Sind sie abgesichert? Wird in die Rentenkasse eingezahlt? Ist das ein Nebenjob? Die Chefin lächelt. Und? Haben Sie Ihre Lieblingsdame gefunden? Ich überlege.


Ah! Sie wollen einen Mann, nicht, Süße? versucht sie eine neue Herangehensweise. Einen Moment, ich habe genau den, den Sie brauchen. Soll ich? Ich sehe sie zögernd an. Ob sie wirklich weiß, wen oder was ich brauche? Sie verschwindet, in den Garten hinein. Kurze Zeit später tippelt sie wieder auf die Bretter, mit dem Gärtner.


Den kenne ich schon, ich habe ihn vorher gesehen, als ich das Auto geparkt habe. Er ist klein und stämmig, wischt sich die Hände an der Hose ab und grüßt mich. Seine Wanderschuhe sind voller Dreck und er hinterlässt Spuren auf dem Terrassenbelag.


Ich weiß jetzt nicht, was ich sagen soll. Worüber reden wir hier eigentlich? Ich bin an diesem Sommertag für eine Massage gekommen, und muss mich hier mit dem Gärtner unterhalten. Habe ich mich falsch ausgedrückt? Etwas nicht verstanden? Geht es hier darum, den wuchernden Bambus aus dem Garten zu verbannen? Die Rhizomsperre ist absolut notwendig, wenn er eine winterharte Sorte hier in diesem feuchten Boden setzt. Die Pflanzen senden ihre Ausläufer in die Umgebung und der Wildwuchs ist kaum noch zu bändigen. Aber ich halte mich zurück, sage nichts.


Wir swingen auch, versichert mir der Gartenzwerg. Ich denke nach. Stelle mir eine Hollywoodschaukel vor, unter einem Apfelbaum hinterm Bambuszaun. Falls Sie Interesse haben, herzlichst eingeladen, immer donnerstags ab 20:00Uhr. Aber erst mal eine Massage, oder. Warten Sie einen Moment, ich ziehe mich aus, wasche mich und hole das Öl. Sandal Wood?


Und? fragt die Chefin. Haben Sie sich entschieden?

Die Dicke, sage ich, die mit dem weißen Spitzenslip.

Ach, die Lisa, gerne doch, antwortet die Chefin, und begleitet mich zur Massageliege. Ich schwanke ein bisschen, normalerweise trinke ich nicht so schnell in der Sonne. Ich ziehe mich aus und hänge die Kleider an einen Haken. Die Sonne ist warm, die Liege auch. Der Gärtner ist unter die Dusche verschwunden, er hat jetzt keine Lust auf Bambushecke mehr. Es duftet nach Sandal Wood. Ich überlege kurz, ob ich etwas Falsches gesagt habe, aber da legt sich Lisa schon auf mich und ich sage nichts mehr.


Später fahre ich wieder nach Hause, ins Hochwassergebiet. Auf der Autobahn höre ich, wie ein Radioreporter die lieben Autofahrer anspricht. Er redet von einer Geisterfahrerin, die die Orientierung verloren hat.


Sie ist nicht alleine.

Oder war ich das?

Gendert man auch, wenn’s haarig wird?



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