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Das Stipendium Stadtschreiberin

Gabriel Gerling aus Köln schreibt uns:

Die ersten drei Entwürfe habe ich zerrissen. Sie klangen zu sehr nach „Ich bin kreativ, offen und stelle mich jeder neuen Herausforderung“ und „Über eine Einladung zu einem persönlichen Gespräch freue ich mich.“ Weshalb will ich Stadtschreiber für Hamburg zu werden?

Ich mach es kurz: Weil ich sie liebe. Vor zwanzig Jahren hab ich sie verlassen, wider besseren Wissens; es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht den Kleingeist verfluche, der sich feige davongeschlichen hat, anstatt um sie zu kämpfen.

 

Sie war eine Option: Die Stadt, in der man Karriere machen will, kann man sich aussuchen. Ich war fasziniert von ihrem Reichtum, ihrem Glanz, ihrem Geschäftssinn, verborgen hinter wohlmeinender Großbürgerlichkeit; ihre fast makellose Schönheit provozierte mich, so wie ihre spröde Kühle. Sie schien mir leicht durchschaubar und ebenso leicht zu haben, und ich besaß endlich alles, um sie zu beeindrucken: Ehrgeiz, Eloquenz, etwas Geld, die richtige Wohnung in der richtigen Gegend. Also gut, dachte ich. Ich umwarb sie, und sie spielte mit. Sie war der Handschlag des CEO nach dem Pitch, die Bekanntschaft mit Agenturchefs, Redakteuren,  Schauspielerinnen und Künstlern, der Cocktail beim Empfang im Überseeclub; sie war das ironische Lächeln, der warme Sound, die Sprache der Gelassenheit; Understatement, Flair und Tradition. An einem Morgen stand ich auf dem Dach des Konzerns, unten der Fluss, hinter mir die schwarze Ruine, der Himmel über uns weit offen, klar und blau. Ich sah nur sie, ich war beseelt von ihr, ihrem Duft nach Brackwasser, Kaffee und Wind; ich will dich, sagte ich. Sie lachte und sagte: Na!, auf die unnachahmliche Art, die Respekt oder Verachtung bedeuten kann. Ich kenn dich, sagte ich, in Flammen stehend, komm schon, du willst mich auch. Mein Lieber, was weisst denn du, wen ich will, entgegnete sie, und: Als ob du mich kennst! Ich lächelte, erfüllt von der Überheblichkeit dessen, der ich geworden war.

Dann begegnete ich ihr auf St. Pauli, wo mich ihre gleichgültige Schamlosigkeit ernüchterte, und auf einem Hinterhoffest in der Schanze. Sie war ein stummes Lächeln am Schlump, die Stille des Nienstedtener Friedhofs; sie war der Schädel nach durchsoffener Nacht in der Haifischbar, der verbrannte Kaffee unter wortkargen Männern in einem Lokstedter Baubüro. Sie steckte in den zehn hausgemachten Sauren, mit denen ich mich in einer Kneipe in Altona abschoss, und im schillernden Begehren Sankt Georgs. Sie war der Kunde in Bramfeld, der mich abzockte, ohne, dass ich es merkte, und das Scheitern auf dem Mittelweg, wohin mich meine Arroganz geführt hatte. Sie enttarnte mich auf der Großen Bergstraße, die sich nach Kindheit anfühlte, und auf der Gartenparty in Blankenese, wo man mich an meinen Platz verwies, höflich, ohne Worte, mit einer Kälte, die mir noch heute in den Knochen steckt. Auch das alles war sie.

Am selben Abend erlag ich ihr am Elbstrand, neben dem Alten Schweden. Wir waren nackt, ich beinahe ehrlich, und sie schöner als je zuvor. Also, mein Lieber, sagte sie, wie sieht es aus; sie war voller Zärtlichkeit. Ich weiß genug, antwortete ich. Na, sagte sie, mit der ihr eigenen Nüchternheit, streckte sich und sah an mir vorbei gen Westen, es war vorbei. Was der Anfang hätte sein können, wurde zum Abschied. Ich ging, entblößt, gedemütigt, und rettungslos verliebt.

Seit Jahren lebe ich wieder in Köln. Die Stadt nahm mich zurück, ohne mir Vorwürfe zu machen. Sie lässt mich sein, sie erwartet nichts von mir, es gibt genug andere, die sie glühend lieben und ihr ewige Treue geschworen haben. Viel ist inzwischen passiert, ich bin endlich der, der ich bin, gemocht, aber glücklos. Meine kluge Geliebte kann ich nicht vergessen. Die wenigen Besuche bei ihr taten weh, jedes Mal empfing sie mich wie einen Fremden. Ich kann nicht ertragen, wenn andere bei ihr waren und schwärmen, wie schön es mit ihr ist. Ja, denke ich, aber was wisst ihr schon.

 

Vor Kurzem war ich für ein paar Tage bei ihr – ein Seminar, das ich dem Chef abgeschnackt habe. Sie war das Bier danach an den Landungsbrücken, die schweigende Würde des Flusses; sie war Sehnsucht, Hoffnung, Ahnung, tausendundeine Facette desselben Gefühls; sie war die vier fünf Zigaretten auf meinem Weg zurück ins Hotel nach Bahrenfeld. Ach, mein Lieber, immer noch so verknallt, sagte sie, ihre Stimme klang warm. Das weißt du doch, sagte ich, du kennst mich. Ich liebe dich. Sie lächelte, aha, ist das so? Ich mein es ernst, rief ich, glaubst du mir nicht? Ich hab verstanden!

Hast du?, fragte sie. Ich werd es dir beweisen, sagte ich. 

Na!, sagte sie lachend, sie roch nach Wind.

 

Ich mache es kurz: Geben Sie mir die Chance! Machen Sie mich zum Stadtschreiber. Schenken Sie mir vier Monate, in denen ich mich ihr hingeben kann, sie ganz erfassen, begreifen, mit Händen und Sinnen, ihre vielen Gesichter beschreiben. Ich will von ihr reden, ihr und allen sagen, wie sie ist, und wie sehr ich sie liebe. 

gab.gerling@gmail.com

STADTSCHREIBERIN HAMBURG 2022

 

  • Teilnahme: alle Personen ab 18 Jahre, mit einer unveröffentlichten Kurzgeschichte

  • Thema: Alle im selben Boot

  • Einsendeschluss: 31. Mai 2022

  • Textumfang: maximal 10.000 Zeichen, inkl. Leerzeichen, anonymisiert

  • Mit Motivationsschreiben: erzählen Sie uns, wieso Sie unsere neue Stadtschreiberin sind

  • Einzureichen unter hamburg@stadtschreiberin.de oder unter folgender Adresse:

Stadtschreiberin

KulturWerkstatt Harburg

Kanalplatz 6​

21079 Hamburg

 

Stadtschreiberin ist ein viermonatiges Literaturstipendium, das auf Basis eines Schreibwettbewerbs vergeben wird.

 

Vorbemerkung: In der folgenden Beschreibung werden verschiedene Personenbezeichnungen in der männlichen Wortform verwendet. Dies dient der besseren Lesbarkeit, die Begriffe gelten selbstverständlich für alle Personen. Der Name des Stipendiums lautet Stadtschreiberin.

 

Der Gewinner dieser Ausschreibung wird für die Zeit vom 1. August 2022 bis zum 30. November 2022 Stadtschreiber in Hamburg. Während der Zeit wird eine inspirierende Unterkunft in der Seemannsmission Altona zur Verfügung gestellt. Mit Blick auf der Elbe können Geschichten aus der ganzen Welt gesammelt werden. Das Stipendium unterstützt die Stadtschreiberin mit 1.500 Euro monatlich. Außerdem gibt es ein HVV-Monatsticket, um sich frei in Hamburg bewegen und die Stadt erkunden zu können.

 

Schreiborte in verschiedenen Stadtteilen bieten kreative Plätze, an denen der Stadtschreiber sich mit der Stadt und ihren Bewohnern austauschen kann. Die Schreiborte sind öffentlich und für alle frei zugänglich. Sie bieten einem interessierten Publikum die Möglichkeit, neue Literaturprojekte wachsen zu sehen.

 

Eine unabhängige Jury wählt den Gewinnertext sowie zwei weitere  Texte, die mit jeweils 500 Euro dotiert sind.

Der Fokus der Stadtschreiberin liegt dabei nicht nur auf Literatur. Es handelt sich um einen Austausch und  um die Erfahrung, wie Kunst Menschen verbinden kann. Eine Autorin, ein Autor begegnen einer Stadt – die Stadt und ihre Menschen begegnen der Literatur.