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Kaffeepott

Einen Pott Kaffee, sagt mein Begleiter. Wir stehen in Köln am Büdchen, filmreif. Krimireif. Currywurst vom Pappteller, im Nieselregen, es ist schon dunkel, der Fall ist gelöst, aber ein unbestimmtes Gefühl der Wehmut wabert durch die trübe Winterluft, denn das Opfer ist tot und der Tod war sinnlos. Die großen Gefühle hatten ein niederträchtiges, gemeines, mieses Ende gefunden.

Zum Glück ist das der falsche Film. Dieses graffitibemalte Büdchen hat keine Currywurst und es ist erst zehn Uhr an einem Frühlingsmorgen. Im Himmel sind Wolken und ein bisschen Sonne, ein leichter Wind weht. Die hellgrünen Bäume zwitschern und tschilpen.

Der blonde Barista sieht meinen Begleiter fragend an. Pott, denkt er. Er überlegt sich, welche Milch in welcher Form und Menge in den Espresso soll, will aber höflich bleiben. Möchtest du einfach einen dreifachen

Nein, unterbreche ich ihn, es ist zu banal. Er nickt, tippt in sein smartphone, wir haben das gleich. Dann macht er einen café con leche für mich, es muss ja nicht immer nur geschäumt werden. Während wir zusehen, wie sich das kleine Glas langsam mit der braunen, öligen Flüssigkeit füllt, formt sich eine Schlange hinter uns. Aus der Kneipe gegenüber kommt ein hagerer Mann mit langen Haaren und zwei Becher Kaffee in der Linkerhand. Sie dampfen. „Servus Hannibal“ begrüßt er den Barista, kommt zu uns, drückt meinem Begleiter wortlos einen der Becher in die Hand, er versteht alles sofort, sie gehen einige Schritte weiter und setzen sich auf eine Holzbank unter den sanft rauschenden Linden.

Ich sehe Hannibal an. Ist das dein echter Name? Er nickt, reicht mir den café, jetzt müssen fünf weitere Kunden bedient werden, es wird stressig. Ich könne ja heute Abend wiederkommen, da wäre in der Kneipe dort drüben Livemusik. Jazz und Soul. Ich zahle und gehe zu den beiden auf der Bank. Hannibal.

Das war eine Einladung für ein Jazzkonzert, so macht man das, so geht Bohème. Als ich meinem Begleiter mitteilen will, dass ich gerade einen Geheimtipp für ein cooles Konzert bekommen habe, höre ich, dass er mit dem langhaarigen Typen schon über das Mischpult redet und über die benötigten Verstärker. Das ist einer der Musiker also. Ich begrüße ihn und klar, bis später, safe.

Ich verdrehe die Augen und bringe das Glas zum Büdchen zurück.

Bis später, sagt Hannibal und wischt über die Theke. Schöne Augen, denke ich.

Später gehen wir am Rhein entlang. Es fährt ein Ausflugsschiff vorbei. Ich winke, die Passagiere winken zurück. Die Sonne scheint auf dem Wasser, es blitzt und perlt. Wir setzen uns auf eine Treppe, bekommen ein Bier von den Studenten neben uns und sehen übers Wasser. Wir bleiben dort einfach, sehen die Sonne, die Wolken, ich hole eine neue Runde Bier.

Ich wollte Vorhänge aufhängen und bin von der Leiter gefallen, sagt Aaron. Er hat den Arm in einer Schlinge, die Schulter muss ruhiggestellt werden. Er ist zu der ältesten Buchhandlung Kölns gekommen, es findet eine Lesung über Wolfgang Borchert statt. Bist du öfters hier, frage ich ihn.

Das ist meine Buchhandlung, sagt Aaron.

Die älteste der Stadt. Vor der Nazizeit die größte im Rheinland, geführt von einer hoch angesehenen jüdischen Familie, die Familie Ganz.

Ich sehe ihn an. Er hat eine Buchhandlung? Eigentlich gehört sie Hildegund, erklärt er mir, er habe ein Teil des Ladens erworben, damit die Existenz dieser Institution gesichert sei.

Ich war jahrelang Stammkunde hier, aber ich bin jetzt mit eingestiegen, denn was würde sonst passieren, wenn Hildegund mal keine Lust mehr hat. Diese Schätze dürfen nicht verschwinden.

Ich sehe mir die Bücher an, die schwarz-weiß-Fotos an der Wand. Wir gehen nach hinten in dem Laden, dort stehen Stühle und ein Lesepult. In einer halben Stunde wird aus dem Werk von Wolfgang Borchert gelesen. Ich möchte vorher noch die Buchhändlerin kennenlernen, die schon viele Jahre zwischen den Büchern lebt und die Seele dieses Hauses ist.

Hildegund reicht mir die Hand und stellt sich vor. Vor mir steht nicht die Antiquariatin, die ich hier erwartet hatte, alt und gebückt in beigen Gesundheitsschuhen, sondern eine elegante und raffinierte Dame. Sie moderiert leise und geschickt den Abend, hat eine ruhige, bestimmte, souveräne Art. Wir hören gebannt zu. Als die Lesung vorbei ist, und das Publikum sich wieder verabschiedet hat, lächelt sie und kommt mit einigen Gläsern aus dem Nebenraum.

Wein?

Wir sitzen auf dem roten Sofa zwischen den ledergebundenen Gesamtausgaben, ich habe die Hoffnung, dass das Wissen in mich hinein diffundiert. Wenn man sich nur lange genug in einem so schönen Laden aufhält, wird man eine bessere und weisere Person.

 Aaron rückt seine Brille zurecht und schüttelt den Kopf über diese Bemerkung. So läuft das nicht. Ich rede über mein Projekt in Hamburg und ob er für den Gewinner meines Stipendiums eine Laudatio halten könne. Normal oder als alter Jude, fragt er. Er lässt den Arm, der nicht in der Schlaufe ist, nach vorne fallen, die Schultern sacken, setzt die Brille schief, streicht die Haare ins Gesicht und setzt die Kippa auf. Er sieht aus wie ein uralter Schriftgelehrte. Hildegund sieht ihn interessiert an und hebt ihr Glas.

Woher kennst du den? Erkundigt sich meine Begleitung, nachdem wir den Buchladen verlassen haben und zum Jazzkonzert gehen.

Aus dem Zug, antworte ich, wir haben uns im Bordbistro kennengelernt, als er seine Familie in Hamburg besuchen wollte.

Hamburg ist schön. Und Köln? Auf einer eigenen Art? Eine ältere Dame, etwas angeschlagen? Sind es die Leute oder der Karneval? Der Dom? Die Musik? Der Rhein?

Es ist einfach ein schöner Frühlingstag.

Vogelgezwitscher und Jazzmusik, Kaffee so oder so, Borchert zu Besuch, Hildegund und Hannibal.



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