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Herberge

Endlich Sommer, die Stadt hat die Fenster aufgemacht, die Türen, lebt draußen. Die Durchsagen vom Bahnhof wabbern rüber. Einer liegt am Boden, auf den vertrauten Platten, die Kollegen sitzen vorne auf der Bank, diskutieren, zu laut, wie immer. Die Passantinnen schauen, vor allem auf ihn. Er sieht es in ihren Blicken, manche überlegen, sollen sie die Polizei, die Rettung rufen, ist die Müllabfuhr zuständig. Es macht ihm nichts mehr aus. Er ist unten angekommen, vertrautes Terrain, nichts zu verlieren. Eine Flasche fällt um, war doch noch was drin, zieht im Herumrollen einen vergänglichen Bogen, einen neuen Horizont auf, die zertretenen Kaugummis Sternbilder, rätselhafte Galaxien, dunkle Kometen mit ausgefransten Rändern flanieren im tiefgelegten Universum. Seit ein paar Tagen tänzelt diese Taube um ihn herum, sucht weniger Futter als Unterschlupf. Er breitet seine Arme aus, sie schlüpft in seine Achselhöhle, hat eine Herberge gefunden. Sie gurrt zufrieden. Es sind ihre letzten Tage. Sie stellen sich vor, am Strand zu liegen, sehen dem Tag beim Auf und Untergehen zu, blinzeln in die Sonne, verfolgen Wolken, ihre Figuren, lauschen ihren windigen Geschichten. Abends wartet in der Villa das Personal, empfängt die beiden, sie nehmen ein ausgiebiges Bad, Salbungen entgegen, speisen königlich, fallen in einen Schlaf voll edler Träume auf samtenen Kissen. Die Kälte, das Raue, für ein paar Stunden ausgesperrt.

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