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  • katelijne7

Raumgefühl

Meine Freundin Astrid schleppt sich durch die Tage, halb betäubt vor Müdigkeit. Wir befinden uns im Lockdown, und sie arbeitet in einer Arztpraxis. Es sähe so aus, als würde die ganze Stadt kurz vor Weihnachten noch mal zum Arzt gehen. Die Menschen seien im Moment sehr auf ihre Gesundheit fixiert, vergessen aber, dass ein Besuch beim Arzt nicht automatisch bedeutet, dass man gesünder wird.

Sie würde jetzt gerne eine Zigarette rauchen, aber sie habe mit dem Rauchen aufgehört. Es hülfe ja eh nicht, außerdem wurde ihre Lieblingsmarke verboten.


Wie es mir gehe?

Ich hatte den ganzen Tag Verkaufstagung. Wir haben uns im virtuellen Raum getroffen. Sie verdreht die Augen und seufzt. Da will ich auch hin.

Der virtuelle Raum. Wie riecht er? Wie schmeckt er? Wie hört er sich an, wie sieht er aus?

Gibt es denn überhaupt einen anderen Raum?

Letzte Woche habe ich gelernt, dass man Raum nicht wahrnehmen kann.

Raum, so behauptet Berthold, sei eine Leistung des Verstandes, man kann ihn nur denken. Man muss ihn sogar denken, denn sonst gibt es keine Erfahrung und keine Erkenntnis. Dann treiben wir im Nichts herum. Schön, sagt Astrid.


Das heißt, wenn ich den Verstand ausschalte und nicht denke, gibt es keinen Raum. Aber was gibt es dann? Gibt es überhaupt eine Wirklichkeit, die sich von unseren Vorstellungen nicht beirren lässt und einfach nur ist, unerreichbar? Ein Raum muss aber gleichzeitig mit uns verbunden sein, denn ohne Verbindung mit einer Wirklichkeit würde nichts Sinn ergeben. Wir würden nur projizieren. Plato, flüstert Astrid.


Im Atelier von Berthold Westhoff habe ich mir letzte Woche den Denkraum angeschaut. Ich überlege, ob die Kreativität Grenzen kennt, wenn man sich in Gedanken immer wieder neue Räume konstruieren kann.

Später lief ich durch den Wald, um Kirschzweige abzuschneiden und sie zu Hause in eine Vase zu stellen. Bald ist Sonnenwende, und dann sollten sie aufblühen. Ich darf es vielleicht nicht tun, und schon mal gar nicht darüber berichten, als wäre es die normalste Sache der Welt, denn wenn jeder sich einfach so Kirschzweige aus dem Wald holen würde, wäre der Wald bald nicht mehr vorhanden. Man sollte in der Natur einfach nichts abschneiden, man kann Zweige im Blumenladen kaufen. Blumengeschäfte haben in diesem Lockdown noch geöffnet und leisten tolle Arbeit. Zaubernuss, Tannengrün, Ilex Aquifolium. Lass den Wald in Ruhe!

Es sind jedoch nur ein paar Zweige, die ich brauche, lohnt sich da der Besuch beim Fachhandel?

Oder schenken die Blumengeschäfte auch Glühwein aus?


Patrick, ein Freund von mir, hat jahrelang im Recyclinghof gearbeitet. Er ist dort mit einem 20-Tonnen-Bagger hin und her gefahren und hat Grünabfall zusammengeschaufelt. Die Einwohner der Stadt kommen vor allem samstags mit ihrem Gartenschnitt in grünen Säcken vorbei, sie können ihn dort bei der Kompostierungsanlage abladen. Umsonst. Auch Sperrmüll kostet nichts, bis zu zwei Teile pro Mal kann man in den Container entsorgen, Elektroschrott, Bauschutt, alles wird man los.


Die Nachbarin im Förstertracht.

Eine flinke Mittsechzigerin, mit Gartenschere gewappnet, befindet sich im Grünabfall. Sie will Tannenzweige für ihren Weihnachtsschmuck sammeln.

Patrick erzählt, wie er sie fast weggebaggert hat, man hat sie kaum vom Abfall unterscheiden können in ihrer beigen Hose und der grünen Jacke. Aber er hat sie eben doch noch rechtzeitig entdeckt und konnte gerade noch abbremsen. Es handelte sich nicht um eine bestimmte Frau, oder um einen Einzelfall, sondern um etwas, was sich immer wiederholt. Frauen im besten Alter, die unbeirrbar in Gartenklamotten durch den riesigen Grünabfallberg krabbeln, weil sie Tannengrün abschneiden wollen. Sie haben eine Vision von einem perfekten Adventskranz. Sie brauchen außerdem Zweige für die große Bodenvase, und vielleicht noch etwas für die Fensterbank. Dort ist alles, was man braucht. Zaubernuss, Tannengrün, Ilex Aquifolium.


Mein Vater ist immer mit uns in die Eifel gefahren, sagt Astrid. Sie erinnert sich an die Weihnachtskrippe, mit einem Dach aus Moos. Es sollte ein ganz bestimmtes Moos sein, hellgrün und fest, ganz dick, das eben nur an einer bestimmten Stelle in der Eifel wächst. Mein Vater hätte es nie im Gartenabfall gesucht. Er ist vor genau sieben Jahren gestorben.


Ich sitze an einer Seite des Tisches in ihrem Wohnzimmer, sie weit weg von mir an der anderen Seite. Wenn wir reden, müssen wir fast schreien, noch nie haben wir uns laut unterhalten, noch nie haben wir uns ohne Kuss begrüßt. Wir kennen uns fast 23 Jahre. Sie bietet mir einen Weißwein an, ich schüttle den Kopf. Es ist nicht die Zeit dafür. Wir trinken Kaffee, still und bedachtsam. Sie spricht von ihrer Arbeit in der Arztpraxis, von der Erschöpfung, von dem einen Wunsch, den sie dieses Weihnachten hat. Schlafen. Endlich schlafen.


Drei Kerzen brennen im Adventskranz. Vor der Tür liegen Tannenzweige, kunstvoll von einer verzierten Blumenbinderin zusammengebunden. Ich stelle die leere Tasse auf den Tisch und verabschiede mich. Bald gibt es den Weißwein, sage ich, ich würde sie gerne dabei in den Arm nehmen. Nach der Sonnenwende, wenn die Kirschzweige blühen und es wieder heller wird.

Ja, sagt sie.


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