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Mit der Fähre in die Stadt I, II, III

Aktualisiert: Apr 7

Nora Gantenbrink übernimmt zusammen mit Alexander Klar die Schirmherrschaft für das Projekt Stadtschreiberin. Das Thema des Stipendiums lautet Kunst verbindet.

Die junge Schriftstellerin hat eine großartige Stimme, schon am Telefon wusste ich, sie ist die richtige Person für dieses Projekt. Alexander Klar leitet die Hamburger Kunsthalle. Ende letzten Jahres stand plötzlich ein Graffito auf der Mauer dieses ehrwürdigen Hauses. Direktoren anderer Kunsthallen hätten sich wahrscheinlich sofort aufgeregt, und versucht, es so schnell wie möglich mit Hochdruckreiniger wieder zu entfernen, aber nicht so Hamburgs’ Direktor. Er hat seine Anerkennung gezeigt und sogar einen Rahmen für das kleine Kunstwerk bestellt.

Die Kunst braucht einen Dialog! appelliert er an die Bürger der Stadt.



Schirmherrinnen? Stadtscheiberin? zögert der Mann, dem ich gerade vom Projekt erzählt habe. Wir stehen am Bug eines Schiffes im Wind, die Sonne gießt Licht aus einem tiefblauen Winterhimmel, es ist kalt, der Hafen und die Kräne leuchten, die Elphi in der Ferne strahlt. Wieso die weibliche Form, dürfen keine Männer am Stipendium teilnehmen?

Er nennt das Beispiel der InnenarchitektInnen, meint, es sei doch schade, wenn die Wörter noch uneleganter und komplizierter werden, als sie ohnehin schon sind. Bürgerinnenmeisterinnen, antworte ich, er lacht.


Könnte man die Sache nicht einfach mal anders als sonst handhaben? Bis jetzt ist es so, zum Beispiel auf Spanisch, dass ein einziger Mann dafür sorgen kann, das eine komplette Gruppe grammatikalisch als männlich betrachtet wird, auch wenn sie weiter aus hunderttausend Frauen besteht. Vielleicht wäre es an die Zeit, die Position mal umzukehren. Einfach um uns für die Sache zu sensibilisieren.

Wir sehen in die blaue Luft, es gibt eine kleine flauschige Wolke.


Neben mir an der anderen Seite steht eine weitere Gestalt, die mit einer professionellen Kamera Fotos macht. Die Sicht ist großartig. Ich suche in meinen Manteltaschen nach dem Mobiltelefon, zögere, entscheide dann, es stecken zu lassen und dem Fotografen bei der Arbeit zuzuschauen. Wir sind hier dick in Mäntel, Mützen, Sonnenbrillen und Gesichtsmasken eingepackt, stehen auf einer Fähre, sodass jeder eigentlich für sich alleine unterwegs ist, isoliert auf der eigenen Insel, keiner sucht Kontakt, keiner redet. Ich spreche ihn trotzdem an. Ob er mir eins der gerade entstehenden Fotos später zuschicken kann?


Auf der Jan-Fedder-Promenade sitzt eine Fischverkäuferin an einem kleinen Tisch in der Sonne. Sie ist ein Kunstobjekt, komplett silbern angemalt, sie hat silberfarbene Fische dabei, die Glück bringen, so jubelt sie. Sie hält einen silbernen Schirm in der Luft und grüß fröhlich die Leute, vor ihr steht ein Silbereimer für Geld. Meine erste Live-Schauspielerin des Jahres!



Eigentlich weiß ich nicht genau, ob die Stelle, wo wir uns befinden, schon zur Jan-Fedder-Promenade gehört, vielleicht heißt es hier anders. Übrigens steht der Straßenname auch noch nicht ganz fest, es gibt einige Personen, die das so nicht möchten. Jan war ja eine männliche, binäre Person. Das ist ein Problem.


Was ist die Alternative? Es gibt, glaube ich mal gelesen zu haben, nur vier Personen in Hamburg, die in ihrem Personalausweis divers stehen haben. Aber die leben alle noch, nach lebenden Personen werden normalerweise keine Straßen benannt. Ich gehe mal davon aus, dass hier eine gute Lösung gefunden wird. Straßennamen mit Sternchen sehen nicht gut aus. Und die Promenade ist ja grammatikalisch schon weiblich, also wird es immer nur die Jan Fedder sein.

Nachdenklich gehe ich in die Dittmar Koel und bekomme dort von einem sympathischen Portugiesen einen Galao. Die Sonne fällt zwischen den Häusern auf den Bürgersteig, dort ist es warm und windstill. Ob dieses Jahr nur die Über-80-Jährigen verreisen können? Ich schließe die Augen, trinke den Kaffee und merke einen Hauch von Frühling in der Luft. Sonne, Leute, fröhliche Kinderstimmen.


Donnerstag war ich in der Buchhandlung im Literaturhaus, auf der Suche nach Lesestoff und Abenteuer. Stephan Samtleben hat auch dieses Mal einen Stapel Literatur für mich ausgewählt. Es fühlt sich so an wie fliegen lernen.

Ich bin gespannt und freue mich auf meine Bücher am Abend.


Am Abend bekomme ich drei E-Mails von Ralf Quibeldey, einem Fotografen. Betreffzeile ist jeweils mit der Fähre in die Stadt I, II, III. Es sind Fotos von der Fahrt am Nachmittag auf der Elbe, jedes Foto ein Kunstwerk.

Die Bilder so fotografieren zu können, hätte ich natürlich selber nicht geschafft. Wie gut, dass ich zufällig einen Profi an meiner Seite hatte. Dankbar speichere ich die Bilder ab.


Die Bewerbungsfrist für das Schreibstipendium Stadtschreiberin hat nun Halbzeit, wir brauchen noch einige Sponsoren, denn alleine schafft man so ein Projekt nicht.

Aber ich habe eine wunderbare Schirmherrschaft gefunden, einen tollen Fotografen kennengelernt, die Sonne in der Stadt gesehen, einen ganzen Tag lang. Ich habe einen Stapel Bücher in der Tasche, die von einem Fachmann persönlich für mich ausgewählt wurden.

Da war die Bootstour auf der Elbe, und ein Gespräch über die Sprache und wie sie sich ändert, da war die Sicht auf Altona vom Wasser aus. Da war die fröhliche Fischverkäuferin in der Mittagssonne.

Überall Kunst.


Und der Galao auf der sonnenbeschienenen Straße im Portugiesenviertel schmeckte fast nach Sommer.



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