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  • katelijne7

die Milchmädchenrechnung

Der ICE holt mich mit nur sieben Minuten Verspätung in Aachen ab. Ich bin auf dem Weg nach Stuttgart, dort gibt es eine Vertriebstagung, zu der ich von meiner Arbeitgeberin eingeladen bin. Auf der Strecke nach Köln sitzt mir ein gut gekleideter Mann mit Brille gegenüber, er studiert ein Gemälde von Johannes Vermeer, seine grauen Locken stehen wild vom Kopf ab, er sieht wie ein Wissenschaftler aus. In leuchtenden Farben liegt “Het Melkmeisje” zwischen uns auf dem Tisch, das Mädchen gießt ruhig

die Milch aus einer Kanne in einen flachen Topf mit Brot, vielleicht will es einen Pudding machen.


Ich spreche ihn natürlich darauf an, denn mit Vermeer fühle ich mich verbunden. Ob er den Cupido gesehen hat, dort unten auf den Kacheln? Er nickt. Schon wieder Cupido, meint er, überall diese Hinweise. Die Sehnsucht, die Leidenschaft. Ob ich auch wüsste, dass auf einem anderen Gemälde Cupido übermalt worden ist und jetzt wieder freigelegt wurde? Dieses Gemälde wird in Dresden ausgestellt, es heißt „Das brieflesende Mädchen, und ja, ich habe schon Tickets, bald fahre ich hin. Denn wann hat man schon die Möglichkeit, einen neuen Vermeer anzuschauen?

Seine Augen werfen Lachfalten über die Gesichtsmaske.


Er zeigt auf den kleinen Ofen, der auf dem Gemälde neben der Milchmagd auf dem Boden steht, und erklärt, er werde zum Aufwärmen unter den Rock gestellt, symbolisiere aber auch die Bereitschaft zum Liebesspiel. Gerade jetzt, wo es erotisch wird, hält der Zug laut quietschend in Köln an, mein Mitreisender muss leider aussteigen. Er packt das Gemälde wieder in die Tasche, sucht seine Sachen zusammen und klemmt sich noch ein schweres Buch unter den Arm. Er steht auf, nickt mir zum Abschied zu und steigt aus, verschwindet in der Menschenmasse auf dem Bahnsteig. Ich konnte gerade noch lesen, was auf dem Buch steht: “Dürer war hier”. Der Katalog zur Ausstellung in Aachen. Der ICE fährt weiter, ich denke nach.


In Stuttgart steige ich in eine S-Bahn, die mich aus der Stadt bringt. Am Zielbahnhof merke ich, dass ich immer noch nicht in der Nähe des Hotels angekommen bin, ich steige in einen Bus. Ob er das Hotel kennt? Der Fahrer studiert mein Mobiltelefon. Hirsch. Welchen Hirsch denn? Er kennt das Hotel nicht. Gibt’s hier nicht.

Ein Fahrgast aus der ersten Reihe versucht mir zu erklären, was es mit dem Hirsch auf sich hat, aber er spricht einen besonderen Dialekt, ich verstehe kein Wort. Ich sehe wieder den Fahrer an, der immer noch wartet, für den Fall, dass ich vielleicht doch aussteigen will. “Ich kenne das Hotel aber”, ruft eine Frau aus der Mitte des Busses, “ich kann Ihnen sagen, wo Sie aussteigen müssen.” Ich sehe den Fahrer an, er ist einverstanden, die Tür schließt, alle atmen auf und wir fahren durch die Vorstadt.


“Dort ist der Hirsch”, sagt die Frau. „Links. Dann müssen Sie zuerst rechts in die Straße einbiegen.” Der Bus hält an und wir steigen aus. Ich winke dem Busfahrer nach, der zögerlich weiterfährt. Wieso muss ich rechts abbiegen, wenn das Hotel dort links liegt? “Ja, da wäre ich auch völlig aufgeschmissen, S-Bahn, Bus und so, hier ist alles durcheinander, nichts ist einfach zu finden”, seufzt die Frau und verschwindet in eine Apotheke. Ich vermute, sie wollte mich zuerst nach rechts schicken, weil dort ein Zebrastreifen ist. Ich gehe schräg über die Kreuzung, ein wenig verloren.

Die Tür des Hotels steht weit offen. Es ist ein warmer Septembernachmittag, wie immer, wenn mein mittlerer Sohn Geburtstag hat. Er wird 22 heute. Ich trete ein.


Vorsichtig frage ich an der Rezeption, ob ich im richtigen Hirsch bin. Die Dame bestätigt dies, sucht meine Reservierung und nachdem ich ganz viele Formulare ausgefüllt habe, bekomme ich meine Zimmerkarte. Schwimmbad und Sauna sind leider geschlossen, Corona. Restaurant ist auch zu. Dafür hat sie jetzt alle meine Daten.


Ich stelle das Gepäck ins Zimmer und gehe in den Ort , um etwas zu essen zu suchen. Die Restaurants haben rote Leuchtreklame. Döner. Pizza. Grill. Wieso bin ich nicht nach Münster gefahren, um mit meinem Sohn zu feiern? Ich würde mit dem Fahrrad durch die schöne Stadt fahren, mich mit den Freunden treffen, die alle Anfang 20 sind, wild, frei und fröhlich. Wir würden trinken und lachen und Musik hören die ganze Nacht. Ich gehe weiter, sehe einen Gebrauchtwagenhändler, einen Friedhof, eine Kirche. Ein Schuhgeschäft, das versichert, dass man auch nachts abgeschleppt wird, falls man unerlaubt seinen Wagen auf dem Parkplatz des Ladens abstellt. Strafrechtlich verfolgt wird man da. Ich schlucke und eile zum Hotel zurück. Zwei Damen plantschen im Schwimmbad, man kann es durch eine Glasscheibe sehen. Ich dachte, es hätte zu? Es sind die Senior-Chefinnen, berichtet die Rezeptionistin, sie wohnen hier und dürfen das.


Im Zimmer sehe ich mir die Wände an. Sie sind nichtssagend weiß. Wieso hat man nicht von Vermeer gelernt? Ich sehe seine Farben vor mir, leuchtendes Gelb, tiefstes Blau, das Melkmeisje strahlt zu uns herüber durch die Jahrhunderte. Dort steht es, in einem Zimmer mit warmen, elfenbeinfarbenen Wänden, es gibt blaue Cupidos auf kleinen weißen Kacheln an der Wand, dort ist der Ofen für unterm Rock. Die Spur eines Lächelns.


Im Hotelzimmer starrt mich der große flache Fernsehschirm schwarz und stumm an. Der Teppich verschluckt gnadenlos alle Farben. Die Vorhänge sind still, sie umrahmen die toten Fenster. Dort draußen scheinen unzählige Sterne, ich sehe sie nicht. Ich krieche unter die weiße Bettdecke und denke an das Mädchen mit der Milch. Besinnlich steht sie dort, heiter, sie erledigt ihre Aufgaben, ist ganz bei sich, sie lächelt fast. Vermeer hat sie so gesehen, er hat es verstanden.

Sie ist da, sie weiß, was sie tut.




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